Fluchtursachen oder „Glaubt ihr nicht so bleibt ihr nicht“

Sonntag 25. Sept. 2016: Jes. 7.9

Die ganze Heilsgeschichte des auserwählten Volkes ist, wie wir gehört haben, vielfach geprägt von Wanderungen, Wanderungen die Aufbrüche waren wie der Aufbruch Abrahams und viel öfter von Fluchten. Flucht vor Hunger, vor Versklavung, Flucht vor Krieg. Aber zugleich berichtet die Bibel davon, dass diese Aufbrüche und auch diese Fluchten das Geschehen waren, in dem das Volk das raue Wirken Gottes zu seiner Läuterung, vor allem aber zu seinem Wohl erfahren hat.

Abraham erfährt die Größe Gottes und seine Verheißung, Stammvater eines großen Volkes zu werden, unter dem Sternenhimmel. Er kommt in das verheißene Land und kann sich dort niederlassen. Die Söhne Jakobs finden in der Dürrezeit Nahrung in Ägypten. Später flieht Israel aus der Sklaverei Ägyptens um in der Wüste nicht nur seine Freiheit und seine Identität als Volk zu finden, sondern auch um unter allen Völkern das erwählte Volk Jahwes zu sein, des einen und alleinigen Gottes. Und es kommt in das verheißene Land. Später muss es wegen seines Abfalls vom Jahweglauben in die Verbannung, die babylonische Gefangenschaft, wo es geläutert wird und teilweise wieder zu Jahwe zurückzufindet. Dann kann es heimkehren in das verheißene Land. All die Wanderungen und Fluchten des jüdischen Volkes waren so auch Wege des Heils. Jesus geht nach dem Matthäusevangelium schon als Kind diesen Weg mit, um sich ganz mit dem Volk, zu dem er zunächst gesandt ist, zu verbinden. Jetzt ist er auch der Leidensgenosse aller Flüchtlinge.

Auch in unserer Geschichte finden wir Ähnliches: Die Flüchtlinge und Vertriebenen oder Umsiedler waren nach 1945 wesentlich für den Wiederaufbau Deutschlands. Gehen wir weiter zurück: Die germanische Völkerwanderung, die wesentlich  aber nicht ausschließlich uns als Volk mitgrundgelegt hat, hat auch die alternde römische Herrschaft abgelöst ohne die Christianisierung Europas aufzuhalten. Sind wir nicht in einer ähnlichen Situation? Wir sind hochzivilisiert, haben aber viel zu wenige Kinder. Wir sind moralisch und kräftemäßig degeneriert. Warum begrüßen wir die Flüchtlinge nicht? Wenn wir uns herausfordern lassen, könnten sie auch ein Beitrag sein, um wieder zu uns zu finden und um das aus dem Gleichgewicht geratene Verhältnis von Alten und Jungen wieder ins Lot zu bringen.  Warum ergreifen wir die Chance der Stunde nicht, um auf der Weltbühne andere an der Weltherrschaft teilhaben zu lassen und dies in Frieden mit den Nachrückenden zu tun. Natürlich sehen wir die zuerst als Bedrohung, weil sie so anders sind und weil wir ihnen ethisch nicht mehr viel entgegenzusetzen haben, wir ‚Erben der christlichen Abendlandes‘, die ihr Erbe schon weitgehend verschleudert haben. Verbünden wir uns mit denen, deren Fluchtbewegungen wir teils mitverursacht haben. Denken Sie nur an den Klimawandel, die Spätfolgen des Kolonialismus, Welthandelsstrukturen und unsere teils unsauberen Geschäfte mit den größten Desposten der Dritten Welt. Umbruchszeiten sind immer schmerzlich, sehr schmerzlich bisweilen. Aber sie können vor allem unseren Nachfahren zum Wohl gereichen, wenn wir sie möglichst konstruktiv und in Zusammenarbeit mit den Anderen gestalten. Unsere Kindeskinder sollen einmal nicht als die Sklaven Fremder leben, sondern in Freundschaft und Zusammenarbeit von Alten und Neuen. Aufhalten können wir die Wanderungsbewegungen auf dieser Welt nur eine Zeit lang. Schon jetzt sagt das statistische Bundesamt, 20% der Bevölkerung hätten einen Migrationshintergrund, also sie selbst oder wenigstens ein Elternteil seien nicht als Deutsche geboren. Schon jetzt zahlen die Ausländer nach einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung mehr in das deutsche Sozialsystem ein, als sie herausnehmen. Letztlich werden die Dämme brechen. Die chinesische Mauer ist nur noch ein Denkmal, der Limes der Römer - gegen die herandrängenden Germanen errichtet - kaum mehr zu sehen, die deutsche Mauer ist gefallen und die neuen Mauern und Zäune in Israel, Europa und Amerika werden auch fallen. Besser wir leiten beizeiten eine halbwegs geordnete Integration der Neuen ein. Chaos ist dabei nicht ganz zu vermeiden.

 Sicher kann man sehr viel gegen das sagen, was ich da vortrage. Es ist wohl nur ein Aspekt der Wahrheit. Eins aber müssen wir wissen: Wer nur abwehrt, was mehr oder weniger unweigerlich kommt, der kann es nicht gestalten. Die Geschichte des biblischen jüdischen Volkes zeigt uns, dass Wanderungen und Bevölkerungsbewegungen Wege des Heils, Wege Gottes sein können, schmerzliche Wege des Umbruchs zwar, aber Wege des Lebens.


Bei Jesaja steht der Satz, in bedrohlicher Zeit gesprochen: Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr  nicht. Wir können vielleicht auch sagen: Vertraut ihr nicht, dann habt ihr keine Zukunft. Oder positiv: Packt die Situation an ohne zu jammern, vertraut darauf, dass Gott mit euch ist, wenn ihr euch erneuern wollt, und gestaltet so eure und eurer Enkel Zukunft.

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