Gegenseitige Achtung vor religiösen Überzeugungen

23. Oktober 2016, Sonntag der Weltmission, 1 Petr. 2.12 + 3.11+14-16 Lk. 18.9-14.

Wenn ich mich nicht täusche, dann duckt sich die Mehrheit unserer Gläubigen weg, wenn sie das Wort Mission hören. Die meisten denken dann an Vereinnahmung, Manipulieren, Überreden usw.: Verhaltenswiesen, die sie vor allem bei den eher sektiererischen und fundamentalistischen Gruppierungen der Kirchen und der Religionen erleben. So wollen sie nicht missioniert werden und so wollen sie nicht missionieren. Da kann ich nur sagen: Recht so!

Ich habe darüber schon öfter gesprochen und fasse daher nur noch einmal kurz zusammen, wie wir heute Mission in den großen christlichen Kirchen Nord-, West- und Mitteleuropas mehrheitlich verstehen: Mission heißt da zuerst,  – wie wir in der Lesung aus dem Petrusbrief gehört haben – dass wir mit den Andersgläubigen oder den Religionslosen freundschaftlich zusammenleben und mit ihnen, soweit wie möglich, Leben Spiritualität und Engagement für das Gemeinwohl teilen. Wenn sie uns dann nach „dem Grund unserer Hoffnung“, also nach unserem Glauben fragen – direkt oder indirekt etwa durch Spott – dann sollen wir Auskunft geben, bescheiden und mit Respekt vor der Meinung der Anderen. D.h. dass wir selbst unseren Glauben reflektiert haben und darüber verständlich sprechen können.

Vor allem aber heißt es, dass wir die Überzeugung anders Denkender respektieren und nicht auf sie herunterschauen oder sie gar spüren lassen, dass nur sie von uns zu lernen haben. In wirklichem Dialog lernen beide Seiten voneinander.

Sie werden sagen: Das ist doch klar. Kaum einer von uns sagt noch: Meine Religion ist die bessere. Oder gar: Wir sind die Besseren. Denken wir das wirklich nicht? Theoretisch vertreten das die Wenigsten. Da sind wir nicht – so glauben wir – wie der Pharisäer im eben gehörten Gleichnis. Aber unser praktisches Verhalten drückt doch des Öfteren aus, was wir nicht zu denken wagen: Wir Christen bleiben gerne unter uns und drücken damit aus, dass uns der Umgang mit unseresgleichen oft lieber ist, als der Umgang mit anders Denkenden, mit Fremden oder mit denen, die unseren Glauben nicht teilen können oder wollen.

Es ist ja verständlich, dass wir wenigstens in Glaubensfragen unter Gleichgesinnten sein wollen. Glauben ist etwas Sensibles und da wollen wir uns nicht dem rauen Wind kritischer Fragen oder gewollten Unverständnisses aussetzen. Oft sind wir uns auch nicht sicher genug. So bleiben christliche Gemeinden vielfach unter sich. Es fällt einfach schwer, Fremde und anders Denkende einzuladen und auf sie zuzugehen, wenn sie einmal bei einer offenen Veranstaltung auftauchen. Und wenn wir unter uns sind, dann fallen auch mal so Worte wie: „Die interessieren sich ja sowieso nicht.“ „Wenn die nicht wollen, dann kann man auch nichts machen. Dann muss man sie lassen.“ Das kann alles stimmen, aber warum sind wir so schnell mit unserem Urteil? Schotten wir uns ab, weil wir im Grunde genommen unsicher sind? Hat der Pharisäer im Tempel auch nur so große Sprüche gemacht, weil er unsicher war und sein geknicktes Selbstwertgefühl dadurch aufrichten wollte, dass er  den Anderen herabgesetzt hat. Erleben wir uns mitunter nicht genauso?

Ich glaube, dass es zwischen den Menschen verschiedener Religionen so viel Streit gibt, weil sie sich in ihrer Unsicherheit nicht aus ihrem religiösen Selbstbewusstsein definieren können. Sie brauchen die Abgrenzung zum Anderen. Warum wohl tragen muslimische Frauen hier bei uns Kopftuch und manches mehr, obwohl sie das zu Hause häufig nicht getan haben? Sie brauchen, scheint mir, eine Selbstidentifikation, die sie zu Hause nicht gebraucht haben. Warum reden oft gerade die schlecht über Ausländer, die sie am wenigsten kennen, oder die selbst in der sozialen Rangordnung unten gelandet sind.

Oft kommt die Geringschätzung anders Denkender und anders Lebender aus der eigenen Unsicherheit. Ich wünsche uns allen Gewissheit und Vertrauen in unserem Glauben, damit wir offen und friedlich miteinander sprechen können.

Die gegenseitige Achtung der Menschen verschiedener Religionen und Weltanschauungen ist ein hoher Wert. Gerade in unserer Zeit brauchen wir sie dringend um einen Beitrag zum Frieden zu leisten – zunächst durch Toleranz und dann durch gemeinsames Bemühen um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, wie es in unserem Land schon einmal so schön hieß und wie es immer wieder heißen muss. Wenn uns solches Engagement verbindet, dann ist die gegenseitige Achtung nicht fern und dann können wir auch frei über unseren Grund der Hoffnung miteinander sprechen und voneinander lernen.  Um dieses Verständnis von Mission lasst uns beten.

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