Friedensgebet für Aleppo

24. Oktober 2016

Lk.10.13 »Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Wenn in Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, die bei euch geschehen sind, die Leute dort hätten schon längst den Sack umgebunden, sich Asche auf den Kopf gestreut und ihr Leben geändert.

14 Am Tag des Gerichts wird es den Bewohnern von Tyrus und Sidon besser ergehen als euch!

15 Und du, Kafarnaum, meinst du, du wirst in den Himmel erhoben werden? In den tiefsten Abgrund wirst du gestürzt!

Vielleicht würde die Stelle heute heißen: Weh dir Leipzig, weh dir Berlin, New York und Moskau, glaubt ihr, die Bewohner von Aleppo wären größere Sünder als ihr? Euch wird es schlimmer gehen als denen, wenn ihr euch nicht bekehrt.

Solche Drohrede aus dem Mund des barmherzigen Jesus? Ja, ich meine dass sehr ernste Mahnung, die nichts beschönigt, auch ein Werk der Barmherzigkeit ist, auch, ja gerade, wenn das niemand hören will. Sagen Sie Ihrem Freund oder Ihrem Sohn nicht, dass er elend verrecken wird, wenn er an der Nadel hängt?

Es geht hier nicht darum, über einen strafenden Gott zu sprechen. Wir müssen nur auf den Gang der Geschichte schauen und sehen, wie Verfehlungen die oft  weit zurückliegen, eines Tages die Verursacher oder deren Erben trifft, die Erben des Besitzes und die Erben der Verantwortung. Gegenüber Israel hat die Bundesrepublik zumindest zum Teil ihre Wiedergutmachungspflicht angenommen. Wer trägt die Langzeitfolgen der Kolonialpolitik, des Klimawandels und der Unterstützung von Despoten und Ausbeutern in den ehemaligen Kolonien. All das steht am Anfang der Kette von Konfliktursachen der heutigen Bürgerkriege und des Flüchtlingselendes. Dabei trifft es vielfach die Unschuldigen, was neues nach Sühne schreiendes Unrecht bedeutet.

Uns, die wir hier um Frieden für Aleppo beten, trifft vielleicht die wenigste Schuld. Aber auch wir müssen uns fragen, ob wir nicht immer noch zu viel von den Ressourcen dieser Erde verbrauchen. Wir müssen uns fragen, ob wir die Politiker wählen, die auf Frieden hin verhandeln oder die, die Waffen liefern, die unsittliche Handelsverträge abschließen und die Geschäfte machen mit denen, die außerhalb ihres Landes Kriege anzetteln und unterstützen. Auch stellt sich uns die Frage, ob wir nach unseren Kräften gegen Krieg und Unrecht wirken: Durch Demonstrationen, Briefe schreiben an Abgeordnete oder an Zeitungen oder indem wir den Mund aufmachen, wenn im Gespräch mit Bekannten einschlägige Themen besprochen werden. Wenn wir meinen, das ginge uns alles nichts an, dann werden die armen Völker einmal aufstehen, solidarisch werden und die reichen Ausbeuter überrennen. Völker kann man mit Mauern nicht aufhalten. Dann werden unsere Enkel oder Kinder fragen: Warum habt ihr nichts oder zu wenig für Frieden und Gerechtigkeit getan, als es noch möglich gewesen wäre. Sagen Sie nicht: „Das ist alles religiöser Fanatismus und dagegen können wir nichts machen.“ Wie in Nordirland Protestanten gegen Katholiken kämpften, ging es auch nicht um Religion, sondern um Verteilungsgerechtigkeit. Jeder und jede von uns kann etwas zu mehr Gerechtigkeit auf der Welt beitragen.

Und wir können beten. Nawid Kermani hat in seiner Rede in der Paulskirche zu Frankfurt als ihm der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wurde, die Anwesenden aufgefordert für den Dominikaner Jaques Mourat zu beten. Der war 5 Monate in der Geiselhaft des syrischen IS und wurde dann  zusammen mit den verschleppten Mitgliedern seiner Gemeinde von muslimischen Freunden befreit. Die ganze Festversammlung erhob sich zum Gebet, wie die FAZ berichtet. P. Jaques sagte dazu im Interview: Gebet vermag Wunder zu wirken. Es kann auch unsere Mutlosigkeit überwinden.

Ja, unsere Mutlosigkeit. Ehrlich betrachtet wird kein vernünftiger Mensch sagen, er wüsste, wie man aus dem Chaos in Syrien herauskommen könnte. Ohnmachtsgefühle können uns befallen. Das ist genau die Situation, die wir vor Gott bringen müssen. Wir müssen so lange um Gottes Licht in der Dunkelheit beten, bis uns ein Weg für unser Handeln deutlich wird und bis wir die Kraft haben, in Geduld das Mögliche zu tun. Es geht darum, gegen die Hoffnungslosigkeit zu beten und kleine Zeichen der Zuversicht zu setzen. Dazu helfe uns Gott.

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