Seid wachsam!

27. November 2016, 1. Advent, Röm. 13.11-14, Mt. 24. 37-44.

Ja, der liebe Advent und die immer wiederkehrende Mahnung wachsam zu sein! Die Tröstung des Advents ist auch eine Seite, die zum Advent gehört, aber sie ist nur dann zuverlässig, wenn wir die andere Seite des Advents nicht verdrängen: Die Mahnung wachsam zu sein, aufzuwachen, um bereit zu sein für den Herrn, wenn er kommt. Da ist die Rede vom Kommen des Herrn als Vollendung der Zeit. Da ist aber auch die Rede vom Kommen des Herrn in unserer Zeit, jetzt und immer wieder und vor allem am Ende unseres Lebens. Für uns ist es entscheidend, dieses Kommen Christi in unserem Leben jetzt nicht zu verpassen.

Vor zwei Wochen, als zum Ende des Kirchenjahres im Evangelium die Rede war von der Wiederkunft Christi wurden wir daran erinnert, dass wir die Zeichen der Zeit richtig deuten sollten. In der Predigt habe ich darauf hingewiesen, dass wir die Zeichen der Zeit, die uns in politischen und gesellschaftlichen Prozessen deutlich werden, nicht übersehen, dass wir vielmehr unsere je nach den Umständen verschiedene Verantwortung wahrnehmen müssen.

Heute möchte ich ein paar Worte sagen zur inneren Wachsamkeit als einem unverzichtbaren Element unseres religiösen Lebens.

Dabei geht es zuerst um die Wachsamkeit für die Begegnungen mit Gott in den täglichen Ereignissen, vor allem in den Begegnungen mit unseren Mitmenschen. Es geht aber auch um die Begegnung mit Gott in unserem Herzen vor allem in der Stille des Gebets. Und es geht um die Begegnung mit Gott in den besonderen Ereignissen des Lebens, in besonderen Stunden des Glücks wie in Grenzerlebnissen: es geht also um unsere Offenheit für die Gegenwart Gottes, wenn wir einfach glücklich sind über das Geschenk einer erfüllenden Partnerschaft, bei der Geburt eines Kindes oder im Glück wiedererlangter Gesundheit. Aber auch wenn unser Leben zu zerbrechen scheint in persönlichem Unglück oder in familiären oder geschäftlichen Katastrophen, auch dann ist es wichtig, nicht in Trauer und Angst zu versinken, sondern im Vertrauen auf Gott unsere Chancen zu sehen und zu nutzen und auch zu verstehen, ob ein schweres Ereignis eine Botschaft für uns hat.

Wachsamkeit, das ist kein ängstliches Wachbleiben und Nichtschlafenkönnen. Angst engt das Blickfeld ein bis zur Blindheit. Im Hohen Lied der Liebe im Alten Testament heißt es einmal (5.2): Ich schlief, doch es wachte mein Herz. Wie geht das? Dieses widersprüchliche Wort beschreibt gut, um was es geht: In ruhigem Vertrauen schlafen können und doch offen und achtsam durch das Leben gehen; es heißt achtsam mit der Natur, vor allem aber mit den Menschen umzugehen und auch mit uns selbst. In dieser Aufmerksamkeit können wir besser erspüren, was im jeweiligen Augenblick dran ist, ob es ein Augenblick des Genusses oder der Trauer ist, ob Hilfe geben oder Hilfe annehmen angemessen ist, ob es Zeit ist zu arbeiten oder zu ruhen.

Eine besondere Zeit offener Wachsamkeit ist die Zeit des Betens. Sören Kierkegaard, der dänische Philosoph und Theologe, sagte einmal:

Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still.

Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer.

Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören.

So ist es: Beten heißt nicht sich selbst reden hören; beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.    Aus Zink, „Wie wir beten können“ S.22

Jesus sagt: „Wenn ihr betet, dann macht nicht viele Worte wie die Heiden… Euer himmlischer Vater weiß, was ihr braucht.“ (Mt.6.8) Gott ist gegenwärtig in der Tiefe unserer Seele. Er ist mit uns, er hält uns im Dasein und es geht darum, so still zu sein, dass wir seine Wegweisung im Herzen vernehmen.

Paulus hat uns in der Lesung aus dem Römerbrief darauf aufmerksam gemacht, dass diese Achtsamkeit, dieses Lauschen auf Gott nicht möglich ist, wenn wir von egoistischen Wünschen und nicht integrierten Leidenschaften beherrscht werden, sei es maßloser Konsum oder Streit und Eifersucht.

Wachsamkeit heißt innerlich frei sein, um hören zu können. Eigentlich ist die Adventszeit eher als eine Fastenzeit gedacht, als eine Zeit verdorbener Mägen und erhöhten Blutzuckers. Vor allem aber lasst sie uns als Zeit wenigstens gelegentlicher0 Ruhe gestalten, als eine Zeit in der wir auf unser Inneres und auf Gott hören können und als eine Zeit, anderen wohlwollend zuzuhören.

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