Die vom Herrn Befreiten kehren heim, strahlend vor Freude.

11. Dezember 2016, 3. Advent, Jes.35.1-10; Mt.11. 2-11.

“Die Steppe soll jubeln und blühen.” “Stärkt die schlaffen Hände, festigt die schlotternden Knie!... Die Zunge des Stummen jubelt.” Und: “Aussätzige werden rein, Tote werden auferweckt, und den Armen wird frohe Botschaft verkündet.”

Was hat das mit unserer Realität zu tun? Auf den ersten Blick mag diese Botschaft  manchem sehr wirklichkeitsfremd erscheinen. Bei uns wird den Armen verkündet, dass der Abstand zu den Reichen immer größer wird, auch wenn sie selbst etwas weniger arm sind, Den Flüchtlingen wird gesagt, dass sie auch nach Afghanistan oder Libyen abgeschoben werden, wie unsicher diese Länder auch sein mögen. Wenn ein chronisch Kranker die Botschaft des Isaias hört, kann es sein, dass er sie als Hohn empfindet. Wer von uns glaubt wirklich, dass Gott ihn von seiner Überlastung und seinem Ausgebrannt sein erlösen wird, dass Gott kommt, um ihn  von seinen mehr oder weniger geheimen Süchten zu befreien, seine Depression zu überwinden und seine Beziehungsfähigkeit wieder herzustellen?

Warum ändert unsere religiöse Praxis so wenig an unseren vitalen Problemen? Ist Jesus wirklich der, der uns von all dem erlöst, was unser Leben zerstört oder einschränkt? Wir sitzen nicht im Gefängnis wie Johannes, aber mitunter sitzen wir in unseren Problemen fest und zweifeln, ob uns Gott durch Jesus wirklich erlösen will.

Mir scheint, dass wir oft zwar Befreiung wollen, aber nicht die Bekehrung unseres Herzens, die wirkliche Veränderung in unserem Leben.

Wir wollen Recht bekommen, aber nicht unbedingt Gerechtigkeit. Wir wollen den Weg, auf dem uns Gott helfen soll, selbst bestimmen und nicht auf die innere Führung durch Gott achten.

Was wünschen wir uns zu Weihnachten für uns? Was wünschen wir einander? Gesundheit, schöne Tage, diese oder jene Sachen oder Erfolge, Frieden, Harmonie und Ruhe. Alles oder fast alles gut, aber wir wünschen es umsonst, wenn unser Wunsch nicht weitergeht: Wünschen wir, dass Jesus in unserem Leben Raum bekommt, dass Gott in uns Mensch wird? Wünschen wir, dass wir geduldig werden, gerecht und liebevoll? Wünschen wir uns, dass unser Leben mehr in Selbstlosigkeit und Wahrhaftigkeit gegründet ist, als in materiellen Werten, Anerkennung und Erfolg? Dass wir Jesus auf diese Weise ähnlich werden, egal ob wir arm sind oder reich, geehrt oder verachtet?

Bei Jsaias heißt es etwas später: “Dann wird dein Licht aufgehen und deine Gesundung wird rasche Fortschritte machen.” (Is.58.8)


Ich glaube wirklich, dass die Wunder geschehen können, von denen die Lesung und das Evangelium sprechen. Sie können geschehen, wenn wir sie wirklich wollen, wenn wir sie so wollen, wie Gott sie geben will. Sie werden geschehen, wenn wir gerade stehen wie Johannes und nicht wie ein Schilfrohr hin und her schwanken; wenn wir nicht gleichzeitig Frieden wollen  aber keine gerechten Lösungen; Harmonie suchen, aber nicht aufeinander zugehen: Ruhe suchen, aber es vermeiden, wirklich zu uns zu kommen. Gerechtigkeit, Zu-sich-kommen, Konsequenz; das ist natürlich alles gefährlich und kaum zu machen, wenn wir nicht darauf vertrauen, dass Gott es in uns bewirkt, wenn wir uns darauf einlassen. Daher sagt Jesus bei Heilungen immer wieder: Dein Glauben hat dich gesund gemacht. Wo er aber keinen Glauben findet, dort kann er nicht heilen.

Der Herr wird kommen und uns erlösen, wenn wir es wollen und wir ihm glauben. Dann wird der Gelähmte vielleicht immer noch körperlich gelähmt sein, vielleicht  auch nicht. Sein Herz aber wird frei sein von Gram und Resignation.

Dann wird der Arme vielleicht immer noch arm sein, aber nicht mehr verzweifelt  und voll Neid. Er wird aus seiner Situation das Beste machen und mit fairen Mitteln und solidarisch mit anderen um sein Recht kämpfen.

Der Arbeitslose wird mit Geduld an seiner Zukunft und an Alternativen  arbeiten und den Sinn seines Lebens und seine Würde nicht nur auf Erwerbsarbeit und Wohlstand gründen, sondern auf sein Dasein mit anderen und auf sinnvolle Tätigkeit, die sich aus dem miteinander Leben ergibt.

Der psychisch Kranke wird seine Krankheit nicht mehr vor sich selbst verleugnen, er wird lernen damit umzugehen, sich notwendige Hilfe zu suchen und sie annehmen. So wird er sein Leben erträglicher gestalten und auch für andere zur Hilfe werden.

Der Vereinsamte wird der Welt nicht mehr grollen, sondern er wird selbst zum Telefon greifen, einen Brief schreiben oder mal wieder zu einer Veranstaltung gehen, wo er Menschen kennen lernen kann. Und wenn er Besuch bekommt, wird er sich Zeit nehmen, den Besucher aber auch nicht festhalten.

Selbständige Bürger werden nicht mehr über politische Verhältnisse klagen. Sie werden sie mitgestalten.

Wer mehr besitzt, als er braucht, wird sich von Gott aus der Abhängigkeit von seinem Besitz befreien lassen. Er wird seriös wirtschaften und teilen, was zu teilen ist.


Wenn wir auf Gott vertrauen, wenn wir glauben und uns verändern lassen, dann wird Gott in unser Leben eintreten, leise und schrittweise, wie ein keimendes Samenkorn. Unsere Zweifel werden sich auflösen, wie der Morgennebel in der Sonne, denn unsere Wüste wird blühen, wir werden heimkehren zu unserem wahren Selbst und alle Welt wird das Heil unseres Gottes schauen.

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