Diese Welt kann nur in Erniedrigung erlöst werden.

Weihnachten 2016, Lk. 2. 1-20; Mt. 2. 1-15.

Es nervt vielleicht schon einige, wenn keine Feier und kein Beitrag mehr beginnen können ohne auf die Tragödie von Berlin hinzuweisen. Aber es ist nun mal so: Die Krippe von Betlehem ist umzingelt – damals von Herodes, den Römern als Besatzungsmacht, der korrupten Führungsschicht des jüdischen Volkes und von der Armut des Volkes und immer wieder aufflammenden gewalttätigen Aufständen. Heute ist Weihnachten umgeben von weltweitem Terror, vom Krieg in Syrien, Myanmar und im Kongo, von den 12 000 von der Boko Haram ermordeten Christen in Nigeria, von den Tausenden Ertrunkenen im Mittelmeer usw. Dazu gehört auch, dass in vielen Ländern der Populismus und Nationalismus zunehmen, die Vorboten des Faschismus. Die Friedensbotschaft von Weihnachten müssen wir in diesem Zusammenhang deuten. Wenn ein Bote Gottes, wenn Gott selbst in diese so entstellte Welt kommt, dann kann er nicht bei den Reichen und Mächtigen geboren werden. Die Weisen aus dem Osten finden ihn nicht beim König Herodes. Der weiß von nichts. Sie finden ihn in dem abseits liegenden Betlehem. Machtbesessenheit kann letztendlich nur durch Machtlosigkeit erlöst werden. Die aber wollen die meisten nicht. Ein Messias, der in diese kaputte Welt kommt, kommt daher um zu leiden. Der zeitgenössische Schweizer Dichter Kurt Marti schreibt zur Flucht Jesu nach Ägypten:

nicht ägypten ist der fluchtpunkt der flucht.                                                                      das kind wird gerettet für härtere tage                                                               fluchtpunkt der flucht ist das kreuz

 

Wenn Gott in seiner Menschwerdung den Menschen ganz annimmt, dann lässt er sich nicht auf ideale Menschen ein, sondern auf die real Existierenden in einer konkreten geschichtlichen Situation. Er lässt sich ein auf uns fehlerhafte Menschen mit unserem ganzen Chaos. Und er wird innerweltlich an diesem Chaos scheitern um den neuen Weg der Liebe bis zur Gewaltlosigkeit zu zeigen, den Weg der letzten Endes, und sei es erst jenseits des Todes, in Gott zum Ziel führt.

Aber auch schon in diesem Erdenleben lehrt er uns,  an dieser Welt nicht zu verzweifeln. Er lehrt uns in kleinen Schritten voranzugehen. Er lehrt uns, ihn zu suchen und ihn gegenwärtig werden zu lassen in kleinen Gesten der Menschlichkeit. Wir wissen alle, dass wir in Gesten der Versöhnung oder der schlichten Menschlichkeit Weihnachten gelegentlich schon erlebt haben. Immer wieder höre ich resignierende Stimmen, die sagen: Mit unseren geringen Kräften können wir am Lauf der Welt doch nichts verändern. Die Botschaft von Weihnachten ist anders: Da ist eine junge Frau, Maria und eine ältere, Elisabeth. Sie glauben, sie stellen sich den Plänen Gottes zur Verfügung, sobald sie ihnen deutlich werden. Und da ist Josef, dem einiges an Vertrauen zugemutet wird. Ähnlich die Weisen aus dem Osten. Sie alle wissen nicht, wohin das führt. Sie tun, was ihnen in dem Augenblick, wo sie angefragt werden, richtig erscheint. Natürlich müssen wir in manchen Situationen auch mittel- und langfristig zu planen versuchen. Aber mitunter geht das nicht und wir werden nur gefragt, ob wir jetzt einem Menschen helfen, einem anderen zuhören oder uns selbst für eine Freundlichkeit öffnen,  mit der uns ein anderer begegnen will.

Wer hätte damals im Stall von Bethlehem gedacht, dass hier die Erlösung der Welt beginnt? Ich glaube nicht, dass die Botschaft der Engel an Maria oder an die Hirten schon so eindeutige Erfahrungen waren. Die wurden erst im Licht von Ostern verdeutlicht. Die unmittelbar Betroffenen hatten im weiteren Verlauf noch mit einigen Zweifeln zu kämpfen. Ihr Horizont reichte nicht über das schwache und gedemütigte Volk Israel hinaus. Aber sie gingen den nächsten notwendigen Schritt und begleiteten das Kind, das ihnen in die Arme gelegt wurde, in das Leben hinein, gaben ihm Geborgenheit in einem sehr rauen Umfeld. So beginnt Erlösung. Das ist – sagt Jesus später – klein wie ein Senfkorn und wird zu einem Baum, der Schutz und Schatten bietet. Und überall wo wir in solch kleinen Schritten dem inneren oder von außen kommenden  Ruf zur Menschlichkeit folgen, wirken wir mit an Gottes Erlösungswerk. Nur manchmal wird einer auch zu einem größeren Beitrag gerufen wie z.B. der Rettung von Flüchtlingen aus dem Meer oder zur Vermittlung eines Friedens. Das Reich Gottes wächst in der kleinsten Hütte und auf der politischen Bühne, überall wo wir das Wunder geschehen lassen. Und allen, die ihn aufnehmen, gibt er die Macht, Kinder Gottes zu werden, wie es im Prolog zum Johannes-Evangelium heißt. Öffnen wir uns also der Liebe Gottes in Bescheidenheit und Vertrauen. Wir werden seine Lebenskraft auch in dunklen Stunden erfahren.                                     

                                                                                                                                                                 Aus der frohen Botschaft nach Lukas

 2.1 Zu jener Zeit ordnete Kaiser Augustus an, dass alle Menschen in seinem Reich gezählt und für die Steuer erfasst werden sollten.

3 Und alle gingen hin, um sich einschreiben zu lassen, jeder in die Heimatstadt seiner Vorfahren.

4 Auch Josef machte sich auf den Weg. Aus Galiläa, aus der Stadt Nazaret, ging er nach Judäa in die Stadt Davids, nach Betlehem. Denn er stammte aus der Familie von König David.

5 Dorthin ging er, um sich einschreiben zu lassen, zusammen mit Maria, seiner Verlobten; die war schwanger.

6 Während sie dort waren, kam für Maria die Zeit der Entbindung.

7 Sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe im Stall. Denn in der Herberge hatten sie keinen Platz gefunden.

8 In der Gegend von Betlehem waren Hirten auf freiem Feld, die hielten in der Nacht Wache bei ihren Herden.

9 Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie, und sie fürchteten sich sehr.

10 Aber der Engel sagte zu ihnen: »Habt keine Angst! Ich habe eine große Freudenbotschaft für euch und für das ganze Volk.

11 Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren worden: Christus, der Herr!

12 Und dies ist das Zeichen, an dem ihr ihn erkennt: Ihr werdet ein neugeborenes Kind finden, das liegt in Windeln gewickelt in einer Futterkrippe.«

13 Und plötzlich war bei dem Engel ein ganzes Heer von Engeln, all die vielen, die im Himmel Gott dienen; die priesen Gott und riefen:

14 »Groß ist von jetzt an Gottes Herrlichkeit im Himmel; denn sein Frieden ist herabgekommen auf die Erde zu den Menschen, die er erwählt hat und liebt!«

15 Als die Engel in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: »Kommt, wir gehen nach Betlehem und sehen uns an, was da geschehen ist und was Gott uns bekannt gemacht hat!«

16 Sie liefen hin, kamen zum Stall und fanden Maria und Josef und bei ihnen das Kind in der Futterkrippe.

17 Als sie es sahen, berichteten sie, was ihnen der Engel von diesem Kind gesagt hatte.

18 Und alle, die dabei waren, staunten über das, was ihnen die Hirten erzählten.

19 Maria aber bewahrte all das Gehörte in ihrem Herzen und dachte viel darüber nach.

20 Die Hirten kehrten zu ihren Herden zurück und priesen Gott und dankten ihm für das, was sie gehört und gesehen hatten. Es war alles genauso gewesen, wie der Engel es ihnen verkündet hatte.

 

 

Aus der frohen Botschaft nach Matthäus    

1 Jesus wurde in Betlehem in Judäa geboren, zur Zeit, als König Herodes das Land regierte. Da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem

2 und fragten: »Wo finden wir den neugeborenen König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um uns vor ihm niederzuwerfen.«

3 Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem.

4 Er ließ alle führenden Priester und Gesetzeslehrer zu sich kommen und fragte sie: »Wo soll der versprochene Retter geboren werden?«

5 Sie antworteten: »In Betlehem in Judäa. Denn so hat der Prophet geschrieben:

6 ›Du Betlehem im Land Juda! Du bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten in Juda, denn aus dir wird der Herrscher kommen, der mein Volk Israel schützen und leiten soll.‹«

7 Daraufhin rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und fragte sie aus, wann sie den Stern zum ersten Mal gesehen hätten.

8 Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: »Geht und erkundigt euch genau nach dem Kind, und wenn ihr es gefunden habt, gebt mir Nachricht! Dann will ich auch hingehen und mich vor ihm niederwerfen.«

9 Nachdem sie vom König diesen Bescheid erhalten hatten, machten sich die Sterndeuter auf den Weg. Und der Stern, den sie schon bei seinem Aufgehen beobachtet hatten, ging ihnen voraus. Genau über der Stelle, wo das Kind war, blieb er stehen.

10 Als sie den Stern sahen, kam eine große Freude über sie.

11 Sie gingen in das Haus und fanden das Kind mit seiner Mutter Maria. Da warfen sie sich vor ihm zu Boden und ehrten es als König. Dann holten sie die Schätze hervor, die sie mitgebracht hatten, und legten sie vor ihm nieder: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

12 In einem Traum befahl ihnen Gott, nicht wieder zu Herodes zu gehen. So zogen sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.

13 Nachdem die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum der Engel des Herrn und sagte: »Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten! Bleib dort, bis ich dir sage, dass du wieder zurückkommen kannst. Herodes wird nämlich das Kind suchen, weil er es umbringen will.«

14 Da stand Josef auf, mitten in der Nacht, nahm das Kind und seine Mutter und floh mit ihnen nach Ägypten.

15 Dort lebten sie bis zum Tod von Herodes.

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