Gottes Größe ist anders

9. Januar 2017, Taufe Christi, Apg. 10.34 -38; Mt. 3. 13-17.

Wir haben noch die Weihnachtslieder in den Ohren und die Botschaft vom Gesang der Engel, die Gottes Herrlichkeit gepriesen haben. Und im heutigen Evangelium von der Taufe Jesu wird diese Botschaft insofern bestätigt, als sich für Jesus der Himmel öffnete, der Geist Gottes auf ihn herabkam und er die Bestätigung durch Gott erfuhr: Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.

All das ändert nichts daran, dass er in einem Stall geboren ist, dass er nach Ägypten fliehen musste, in dem Provinzstädtchen Nazareth aufgewachsen ist  und sein öffentliches Wirken damit begonnen hat, dass er dem Ruf Johannes‘ des Täufers gefolgt ist und die Busstaufe empfangen hat.

Was ist das also für eine Herrlichkeit und Größe, derentwegen die Weisen aus dem fernen Osten gekommen sind, um ihm zu huldigen? Was ist das für eine Herrlichkeit, die wir, wie wir oft meinen, nie zu sehen bekommen und die man „eben glauben muss"?

So stark ist nun aber unser Glauben in der Regel auch nicht, dass wir mit den ‚Augen des Glaubens‘ Gottes Herrlichkeit verborgen in unserem Alltag ohne weiteres sehen würden. Haben wir also nichts davon? Wenn wir meinen, Gott müsste sich auf unseren Wunsch hin zeigen, dann haben wir nichts davon. Wir wissen auch nicht, ob wir es aushalten würden, wenn  Gott sich unserem Auge so einfach zeigte. Es wäre wohl wie ein Atomblitz unmittelbar neben uns. Bei genauerem Hinsehen ist Gottes Menschwerdung auch glaubwürdiger, wenn er uns nicht überwältigt, sondern wirklich Mensch wird, wie wir, in der ganzen Kleinheit und Verletzlichkeit unseres zerbrechlichen Lebens. Und so sind die Evangelien auch voll davon zu berichten, wie Jesus in allen Einzelheiten unser Leben geteilt hat: In Erfolg und Anfeindungen, auf Wanderungen und in Gesprächen mit den Menschen. Und er spricht auch immer wieder davon, dass das Reich Gottes nicht mit äußerer Pracht kommt, sondern still und bescheiden, klein wie ein Senfkorn und gerade denen offen, die arm und unbedeutend sind.

 

Indem sich Jesus so klein macht, dass er für uns erreichbar ist, so klein, dass die Menschen nur schrittweise seine Größe erkennen und dass er für die Stolzen unerkannt bleibt; indem er sich also so klein macht, erfüllt er Gottes Willen, der für uns verirrte Menschen neu zugänglich werden will. Johannes akzeptiert das und in dieser Bescheidenheit fühlt sich Jesus ganz von Gott angenommen und bestätigt als sein geliebter Sohn. Da ist er sich gewiss, dass er den Weg geht, den ihm Gott gegeben hat. Und er erfährt, er spürt tief innerlich, dass Gottes Geist in ihm und mit ihm ist.

Derselbe Geist führt ihn dann auch in die Wüste hinaus, wie wir am ersten Fastensonntag hören werden. Dort, in der Stille und Abgeschiedenheit, wird er klären, was es für sein Leben bedeutet, dass sich Gottes Größe in menschlicher Erniedrigung und Kleinheit zeigt.

Diese Grunderfahrungen Jesu zeigen auch für uns, wie sich die Nachfolge Jesu verwirklichen lässt, wie wir seine Jünger werden können. Wir können ihn nicht kopieren, wir können nicht alle Wanderrabbis werden, wir können nicht alle am Kreuz sterben, aber wir können wie er zeitweilig in die Stille und Abgeschiedenheit gehen, wir können schweigen und hören, wir können uns bereit machen, Gottes Wirken nicht zuerst in großen Ereignissen zu suchen sondern in kleinen Schritten der Mitmenschlichkeit. An ihm können wir lernen, dass wir nur in Geduld und im Annehmen der Mühe und der Freude des Alltags sein Reich auf Erden in ganz kleinen Schritten finden können.

Lassen Sie mich das noch an einem Beispiel konkretisieren: Ich höre öfters: „Seit wir den Papst Franziskus haben, können wir wieder stolz sein auf unsere Kirche.“ Ich bin auch froh, dass uns dieser Papst geschenkt worden ist. Aber im Glauben geht es darum, zur Kirche auch in ihrem verschmutzten Pilgerkleid zu stehen, so wie Gott zu uns steht, wenn wir wie Kinder zu ihm kommen, die nicht aufgepasst haben in den größten Dreck gefallen sind. Schließlich sind auch wir alle nicht nur der Ruhm der Kirche sondern auch die Schmutzflecken auf ihrem Gewand. Dazu zu stehen ist auch ein Teil unseres Annehmens unseres sehr begrenzten Menschseins. Und in dieser Bescheidenheit und in diesem Realismus wird uns Gott auch seine tröstende Gegenwart erfahren lassen.

Die Taufe Jesu feiern heißt zu unserer Fehlerhaftigkeit stehen und in dieser Ehrlichkeit die Güte Gottes erfahren. Das heißt auch, dass wir einander annehmen – nicht nur dann, wenn wir und die anderen angenehm sind. Es heißt darauf vertrauen, dass sich, wie der Apostel Paulus sagt, Gottes Kraft am meisten in unserer Schwachheit zeigt (2 Kor.12.9). Das ist Gottes andersartige Herrlichkeit in unserem Alltag.

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