Die wahre Erfüllung des Gesetzes

Sonntag, 12. Februar, 2017; Sir. 15.15-31, Mt.5, 17-37

„Ich bin nicht gekommen, Gesetz oder Propheten aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen.“ Gilt also weiter das mosaische Gesetz, obwohl noch vor Abfassung des Matthäusevangeliums Paulus sich heftig dafür eingesetzt hat, dass Christen nicht mehr an das mosaische Gesetz gebunden seien? Oder ist das hier nur ein Zugeständnis an die judenchristliche Gemeinde, die der primäre Adressat des Matthäusevangeliums zu sein scheint? Oder ist dieser Text die Bestätigung für alle konservativen Fundamentalisten, die sich heute noch z.B. in der Verdammung aller Homosexuellen auf das Alte Testament berufen oder auf einen auf eine bestimmte Situation hin geschriebenen Text bei Paulus?

Schauen wir darauf, wie Jesus mit dem Gesetz umgeht. Was ist für ihn die Erfüllung des Gesetzes? Es ist die Frage nach dem eigentlichen Sinn des Gesetzes. Die Reinheitsgesetze sollen euch vor allem an die innere Reinheit des Menschen erinnern. Das mosaische Gesetz hat euch zum Teil historische notwendige Zugeständnisse gemacht, auch wenn sie für ihre Zeit ein ethischer Fortschritt waren. So wandte sich die Regel: Aug um Aug, Zahn um Zahn gegen die sich immer steigernde Rache oder auch gegen die Blutrache. Die Scheidungsregelung gab den Frauen wenigstens einige Rechte. Das Sabbatgesetz war ein ungemeiner humanitärer Fortschritt: Der Mensch ist nicht nur für die Arbeit da und auch der Sklave hat ein Recht auf einen Tag Ruhe in der Woche. Zugleich aber lehrt uns Jesus mit seinem „Ich aber sage euch“, dass diese Gesetze fortgeschrieben, zur Vollendung geführt werden müssen. Da geht es nicht um laxere oder strengere Interpretation, sondern darum, was dem Menschen und seiner Würde am besten dient. Konkret heißt das für Jesus: Der Sabbat ist für den Menschen und nicht der Mensch für den Sabbat da. Eure immer engere Interpretation des Sabbats oder der Reinheitsgebote dürfen den Menschen nicht unerträgliche Fesseln anlegen. Und in der Ehe geht es darum, dass ihr die ursprüngliche Ordnung Gottes verwirklichen sollt, wo der Mann nicht die Frau und die Frau den Mann nicht entlassen dürfen, denn sie sollen die Einheit, zu der sie berufen sind, wirklich vollenden. Und du sollst nicht nur den anderen nicht töten, du sollst auch in deinem Herzen nicht den Hass pflegen und du sollst über deinen Mitmenschen nicht schlecht denken und ihn nicht schmähen.

Beziehen wir das hier Gesagte einmal auf das Schreiben von Papst Franziskus und auf den darauf folgenden Brief der deutschen Bischöfe zu den Fragen um Liebe und Ehe. Beide Schreiben halten klar an der grundsätzlichen Unauflöslichkeit der Ehe fest. Anders geht es auch nicht bei der Textlage der Evangelien. Und trotzdem kennen schon Matthäus und Paulus Ausnahmen: Bei Mt. heißt es im heutigen Evangelientext: Außer im Fall von „Unzucht“, andere übersetzen „Ehebruch“; bei Paulus heißt es: außer wenn der heidnische Mann seine christliche Frau ihren Glauben nicht in Frieden leben lässt (1 Kor.12-15), was in der heutigen Kirchenrechtspraxis sehr weitgehend interpretiert wird. Und so sagen auch der Papst und die Bischöfe, dass man bei aller Wahrung des Prinzips im Einzelfall prüfen muss, ob ein wiederverheirateter Geschiedener nicht doch zu den Sakramenten zugelassen werden kann. Dies ist zuerst eine Gewissensentscheidung der Betroffenen, die aber nicht leichthin getroffen werden kann, sondern der ernsthaften Prüfung und auch des Gesprächs mit einem Seelsorger bedarf, um nicht der Beliebigkeit zu verfallen.

Ein ähnlicher Umgang mit Gesetzen empfiehlt das Evangelium auch in anderen Fällen. So hat sich die Lehre der Kirche zur Erlaubtheit des Zinsnehmens im Lauf der Geschichte gewandelt vom rigorosen Verbot zu einer differenzierteren Haltung. Es geht – ich sage es noch einmal – nicht darum, dass wir es uns möglichst bequem machen, sondern darum, in der sich ändernden geschichtlichen Situation ein Gesetz so zu verstehen, dass es dem Menschen als einzelnem und in seiner sozialen Verbundenheit wirklich dient. So wurde auch die Lehre der Kirche von der Erlaubtheit eines Verteidigungskrieges angesichts der Atomwaffen präzisiert: Atombomben werfen geht gar nicht.

Und wenn es auch letztlich immer um die Gewissensentscheidung des Einzelnen geht, so muss sich doch das Gewissen bilden im Dialog mit seiner Kirche, denn der Geist ist zunächst der Gemeinschaft der Gläubigen verheißen, dann erst dem Amt und den einzelnen Gläubigen. Beteiligen wir uns also am gemeinsamen ethischen Diskurs nicht nur zu Fragen der Sexualethik, sondern auch an denen zu Abtreibung und aktiver Sterbehilfe, zu Fragen von Krieg, Frieden und Rüstungsexporten und zur weltweiten wirtschaftlichen Gerechtigkeit, zur Aufnahme oder Abweisung der Flüchtlinge.

Fragen wir immer wieder, was der Geist Christi uns sagt bzw. was der menschlichen Gemeinschaft und den einzelnen wirklich dient.

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