SEHEN - NICHT SEHEN – ZWEIFELN – GLAUBEN

23. April, 2. Ostersonntag 2017, Apg. 2.42-47; Joh. 20.24 -29.

„Wenn ich nicht sehe, dann glaube ich nicht.“ Mir scheint, Thomas hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstanden, was glauben ist. Wir alle werden wohl schnell verstehen, dass es Unsinn ist zu sagen: „Wenn die Liebe und Treue meines Partners nicht zweifelsfrei bewiesen ist, dann glaube ich ihm nicht.“ Natürlich gibt es auch in zwischenmenschlichen Beziehungen sichtbare Zeichen, Hinweise und Taten, die Liebe oder Verrat bezeugen oder wahrscheinlich machen. Letzten Endes beweisen aber kann man Liebe nicht. Wenn ich will, kann ich immer mistrauen oder mich blindlings verlieben. Ich kann aber auch aufmerksam auf mein inneres Gespür achten und behutsam Vertrauen schenken oder annehmen.

Außerdem sind die ‚eindeutigen‘ Fakten und sinnlichen Wahrnehmungen nie eindeutig. Eine unerwartete Heilung kann eine „unerklärliche Spontanheilung“ sein, die die Medizin auch außerhalb von religiösem oder esoterischem Kontext kennt, oder sie kann für mich ein Wunder, ein Zeichen sein, in dem ich Gott begegne. Und die Erscheinung Jesu mit seinen Wundmalen kann die Folge einer Gruppenpsychose sein oder die Erfahrung des unbezwingbar Lebendigen. Was ich da erlebe hängt auch von der Offenheit meines Herzens und meines Geistes ab. Es ist deshalb noch nicht beliebig. Da muss sich mir ein anderer Mensch oder Gott selbst schon zuwenden wollen. Aber ob und wie ich das wahrnehme, das ist kein empirischer, messbarer Vorgang sondern das entscheidet sich in der Tiefe unseres Herzens oder unseres Selbst.  So finden wir in den Auferstehungsberichten immer wieder in verschiedenen Worten die Feststellung, dass die einen den Auferstandenen sahen, die andern nicht; dass die einen auf Grund des leeren Grabes und der zusammengefalteten Leinentücher glaubten, die anderen nur verwirrt waren.

 

Die feststellbaren Tatsachen sind also nicht so verlässlich, wie manche meinen, und oft hält der Eine für verbürgtes Factum, was der Andere für widerlegt hält oder was sich bald als überholtes Wissen erweist; und wir Alten wissen, wie wenig wir unserem Gedächtnis trauen können. So ist der Zweifel etwas ganz Natürliches, etwas für unsere Vorsicht Notwendiges. Der vernünftige Zweifel kann Fragen klären und Irrtümer überwinden. Es ist also gut, den begründeten Zweifel nicht zu unterdrücken. Auch ist es in jeder Art von Beziehung besser, sich innere Widerstände einzugestehen, sie zu besprechen und zu klären. Auch wird die Beziehung zu Gott viel tiefer, wenn wir mit ihm ringen und streiten und ehrlich beten und nicht zu früh Halleluja singen.

Zweifel kann aber auch Zeichen eines ewigen Mistrauens sein, einer Verschlossenheit in uns, die uns letztlich einsam macht. Wir könnten mitunter einem Menschen Vertrauen schenken, verharren aber auf Grund schlechter Erfahrungen oder aus Selbstüberschätzung in unserem Mistrauen. So rügt Jesus immer wieder den Unglauben und die Herzenshärte seiner Jünger. Das kennen auch wir: Wenn wir verletzt und enttäuscht sind, dann fällt es oft schwer, aufs Neue Glauben zu schenken – Gott oder den Menschen. Das ist – trotz aller vorgeschobener Gründe – keine rationale Angelegenheit; das ist Sache unseres Herzens.

Jesus diskutiert deshalb auch nicht mit seinem Thomas. Da geht es ja nicht um einen Beweis. Er tadelt ihn auch nicht gleich. Er lädt ihn ein, ihm von Herz zu Herz zu begegnen; Er lädt ihn ein, dass sich Thomas der aufgerissenen Seite und den geschundenen Händen Jesu nähert, seine Hand hineinlegt. Das ist gefährlich, aber das ist der Weg zur Auferstehung: Wenn wir dem geöffneten  Herz Jesu mit offenem Herzen begegnen, im Gebet und in den Mitmenschen, dann finden wir den Glauben und das Leben. Wir werden leben, auch wenn es immer wieder sehr weh tut. Und wir werden tiefgreifende Gemeinschaft finden und Glück.

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