Seid ‚gute Hirten‘ für die Stadt, seid ‚Licht auf dem Leuchter‘.

7. Mai, 4.Ostersonntag 2017, Sonntag des Guten Hirten, Kirchweihe der Propstei. Apg.2.14a+36-42; Joh. 10. 1-10.

Als ich schon vor einiger Zeit gemerkt habe, dass dieses Jahr der Kirchweihsonntag         der Propstei auf den Sonntag fällt, an dem die Kirche jedes Jahr ein Evangelium zum Thema des „Guten Hirten“ präsentiert, da dachte ich mir, dass das gut zusammenpasst. Aber auch die Lesung aus der Apostelgeschichte passt dazu:  Da heißt es: „Euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und sie gilt denen in der Ferne.“ Gemeint ist hier die Verheißung der Befreiung von Sünde und Tod durch den Tod und die Auferstehung Christi.

Gegenüber den Juden konnte sich Petrus an die alten Verheißungen  anschließen, die sich in Jesus erfüllt haben. Der Glaube an Gott war dabei selbstverständliche Voraussetzung. Wir stehen heute in einer anderen Situation: Die große Mehrheit in dieser Stadt glaubt nicht an Gott. Eine Befreiung von Sünden wollen die meisten auch nicht, schon gar nicht von Gott, und den Gedanken an den Tod verdrängt man mit Routine. Wenn Petrus von denen „in der Ferne“ spricht, an die die Verheißung jetzt auch ergangen sei, meint er z.B. die Menschen im ziemlich gottlosen Rom.  So gottlos wie Leipzig war allerdings auch das antike Rom nicht. Aber wichtig ist, dass die frohe Botschaft von Gottes Liebe allen Menschen gilt. Dass alle Menschen hoffen dürfen, dass ihnen bei allen Schwächen und Fehlern Gott mit offenen Armen entgegenkommt, wenn sie sich ihm öffnen und einander vergeben und helfen.

Für uns alle gilt, dass wir als Schwestern und Brüder Jesu an seiner Sendung teilhaben, diese Liebe Gottes zu verkünden. Gerade jetzt, wo wir eine ansehnliche Kirche in der Mitte der Stadt haben, gilt in besonderer Weise, dass wir, wie es in der Bergpredigt heißt, ein Licht sind, das auf dem Leuchter steht. Dafür genügt natürlich das tolle Bauwerk allein nicht. Nur als lebendige Kirche, nur als offene Gemeinde sind wir Licht für die Welt, leben wir, was wir aus Gottes Kraft schon sind.

Vielleicht sagen Sie mir: „Wie sollen wir zu den Religionslosen oder Konfessionslosen in dieser Stadt von Christus und der Auferstehung reden oder von der Vergebung der Sünden? Die schauen uns doch nur verständnislos an!“ Ich habe nicht davon gesprochen, dass wir gleich reden sollen.  Wir können ja nicht – wie Petrus – an einen selbstverständlichen Gottesglauben anknüpfen. Aber wir können den christlichen Glauben erst mal leben – nicht demonstrativ, nicht aufdringlich, sondern nur ehrlich. Wir können wie die ersten Christen – hoffentlich – so miteinander umgehen, dass die anderen sagen: „Seht wie sie einander lieben!“ Wir können für Fremde und Interessierte so offen sein, dass alle, die Gott zu uns schicken will, auf eine offene Tür treffen. Wir können das Leben mit unseren Mitbürgern teilen, nicht nur in Geschäften, bei Red Bull usw, sondern auch in der Aufmerksamkeit auf die politische Entwicklung unserer Gesellschaft, in der Sorge um die Bildung der Jugend, um die soziale Gerechtigkeit und um die Achtung der Würde eines jeden Menschen.

Und dann, so heißt es im ersten Petrusbrief (3.15), ‚wenn euch die anderen‘ geradeheraus oder verklausuliert ‚nach eurer Überzeugung fragen, dann seid  bereit Rede und Antwort zu stehen, bescheiden und respektvoll‘.  Und ich meine, wir sollten es nicht in kirchlichen Formeln tun, die wir selber kaum verstehen, sondern in verständlichen Worten, an die wir selber glauben.

Wir sollen insofern dem göttlichen Hirten ähnlich sein, als wir nicht in die Irre führen und nicht zu überzeugen versuchen, um „Erfolg“ zu haben oder um „Trophäen“ zu sammeln. Es ist vor allem wichtig, dass wir mit unseren Mitbürgern über gemeinsame Anliegen sprechen, in der gleichen Tonlage wie sie und immer auf Augenhöhe statt von oben herab, und so unsere Motivation und unsere Hoffnung in einem Handeln zum Wohl der Menschen anbieten.

Es gibt in unserer Zeit genug selbsternannte Hirten, die zu engstirnigen aber eindeutig scheinenden Sekten führen oder zu den Neureligionen, ich meine zum Konsumzwang, der Anbetung von Idolen, dem Fanwesen und vor allem zu den Heilsversprechen populistischer und egoistischer Politik. Als Christen sollten wir nicht so sein, sondern ehrlich fragen: Dient das, was ich hier vertrete, wirklich einem umfassenden Gemeinwohl? Unsere Zeit braucht nicht unpolitische Christen, sondern ehrliche und selbstlose. Gerade dann, wenn das schwierig erscheint, kann uns unsere christliche Hoffnung auf die Auferstehung zum Engagement befreien. Wir feiern Kirchweihe aus Freude und Dankbarkeit über Gottes Geschenke und um uns zu erinnern, dass uns alles gegeben ist, um es mit anderen zu teilen, damit es wächst.

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