Ein Fest der Offenheit und Verständigung

Pfingsten 2017, Apg. 2.1-11; Joh. 20.19—23.

Die Apostel wurden also alle vom Heiligen Geist erfüllt, sie begannen in fremden Sprachen zu reden, d.h. sie redeten für alle verstehbar, und sie verkündeten die großen Taten Gottes, d.h. sie sprachen von seiner befreienden Liebe.

Von Johannes XXIII erzählt man: Als er gefragt wurde, was er denn damit erreichen wolle, dass er ein Konzil einberuft, ging er erst einmal zum Fenster und öffnete es und dann sagte er: Ich will, dass frische Luft in die Kirche kommt. Wenn ich jetzt Franziskus erlebe, habe ich den Eindruck, dass er diese Linie konsequent fortsetzt, auch wenn manchen die Luft dabei zu frisch um die Nase bläst.

Und wir? Auch wir haben alle den Heiligen Geist empfangen – in der Taufe, in der Firmung, in jedem wirklichen Gebetskontakt zu Gott. Können wir jetzt so von unserem Glauben sprechen, dass uns andere verstehen, dass uns wenigstens unsere Freunde und Kinder oder Enkel verstehen?

Zugegeben: unsere Situation ist schwierig. Die Menschen zu Zeiten der Apostel waren fast alle irgendwie religiös, zumal die, die zum Pfingstfest – das gab es auch im Judentum schon als eine Art Erntedank - nach Jerusalem gepilgert waren. Wo wir wohnen, sind die Menschen überwiegend religionslos, zumindest aber kirchenfern. Sie verstehen oft nicht, wovon wir reden, wenn sie etwas von unserem Glauben hören. Das liegt zum Teil an unserer christlichen Sondersprache, die auch im Deutschen zum Teil Wörter benutzt, die man außerhalb der Glaubensgemeinschaft, zum Teil aber auch innerhalb nicht mehr versteht: Was genau ist Gnade, Erlösung und Schöpfer der Welt? Was ist Heiligung und das Reich Gottes?

Zum Teil aber ist die Verkündigung von Gottes befreiender Liebe auch deshalb so schwierig, weil vielen Menschen außerhalb der Kirchen, aber auch innerhalb die Erfahrungen fehlen, die die Worte der Verkündigung erst lebendig werden lassen. Und manche Menschen außerhalb der Kirchen haben mitunter tiefe religiöse Erfahrungen, aber sie haben, wenn sie darüber sprechen, andere Worte als die Christen. Es ist z.B. jedem Menschen möglich, tiefe Sinnerfahrung zu machen, wenn er einem Menschen in großer Not hilft, wenn er bei einem Freund in aussichtslos erscheinender Situation aushält, im Sterben etwa. Und im Prinzip kann jeder in der Natur oder beim Geschenk eines Neugeborenen  von einer Größe berührt werden, die alles Verstehbare übersteigt.

Was in unserer Zeit notwendig ist, wenn das Christentum nicht aussterben soll, das ist die Fähigkeit von Gott und seiner Erlösung zu sprechen aus innerer Erfahrung und ausgehend von den Erfahrungen der Menschen, und das in Begriffen, die allgemein verständlich sind.   Die Apostel waren sicher keine Sprachkünstler. Aber sie haben sich von Jesus und von Gott innerlich berühren lassen. Und sie sind, wie Jesus, in ihrer Verkündigung von den Erfahrungen der Menschen und von ihrer Lebenswelt ausgegangen.

Vielleicht denken sie: Ja, das sollen die Pfarrer und Bischöfe in ihren Predigten einmal tun. Stimmt! Aber auch Sie alle sind gerufen, ihren Freunden, Kindern und Enkeln von Gott zu erzählen – ausgehend von deren Erlebnissen. Und dabei dürfen Sie nur von dem sprechen, wovon sie selbst überzeugt sind. Und wenn von Ihrem Glauben nur die Suche nach Gott und die Hoffnung übrig sind, dass diese Suche nicht um sonst ist, dann ist dieses Sprechen von Gott glaubwürdiger als ein komplettes Bekenntnis, hinter dem sie nicht stehen, das Sie nicht verstanden haben und das Sie vor allem nicht leben. Ich habe bezüglich meiner Kindheit große Erinnerungslücken, aber an die Situationen, in denen ich das starke Gefühl hatte, dass die Erwachsenen jetzt ausweichen oder lügen, an die kann ich mich sehr deutlich erinnern.

Wir feiern Pfingsten, ein Fest der Verständigung, ein Fest der Öffnung für Fremde, für Pfarrfremde oder Ungewohnte usw., und wir feiern, dass Gott sich uns schenkt, dass er in uns wohnen und zwischen uns wirken will. Fassen wir neu den Mut ehrlich mit einander über unser Leben zu reden, fassen wir den Mut, auf andere zu hören und verstehen zu wollen. Schon in jedem Versuch der Begegnung  wirkt Gott spürbar in uns. Da ist er mit uns, ob es innerhalb der Gemeinde ist oder über deren Grenzen hinaus. Wagen wir es und wir werden erleben, dass Gottes Geist Grenzen sprengt.

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