Wenn ihr Probleme habt, redet miteinander!

10. September 2017, Röm.13.8-10; Mt.18.15-20.

Dieses Evangelium räumt mit einem alten Vorurteil auf, das meint, wenn man seinen Nächsten liebt, dann dürfe es keine Konflikte geben. Das Beispiel Jesu zeigt anderes und das heutige Evangelium auch. In der Lesung heißt es, dass die Liebe die Erfüllung des Gesetzes sei und am Ende des Evangeliums steht der tröstliche Satz: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Was dem vorausgeht, ist eine klare Regelung, wie wir mit Konflikten umgehen sollen. Von Verschweigen, nur Hinunterschlucken und Vermeiden ist da nicht die Rede. Vielmehr scheint hier das aktive und geordnete Umgehen mit Konflikten eine Konkretisierung des Liebesgebotes zu sein.

 

Schauen wir uns diese Konfliktregel einmal an:

Der erste Schritt sagt: Wenn du meinst, der oder die Andere habe sich gegen dich verfehlt, dann stell sie zur Rede. Das gilt natürlich auch, wenn sich jemand gegen eine Regel des Zusammenlebens verfehlt, vor allem dann, wenn ich die Aufgabe habe, auf die Ordnung zu achten oder wenn ich für die Erziehung eines Menschen zuständig bin. Das geht aber nur, wenn der Andere mit sich reden lässt. Aber es heißt: Rede mit ihm! D.h. auch: Rede nicht hinter seinem Rücken über ihn, mobbe ihn nicht, verleumde ihn nicht! Wenn wir allein diesen Schritt befolgen würden, gerade auch in christlichen Gemeinden, dann würde viel soziale Umweltverschmutzung vermieden.

 

Der zweite Schritt (ich übertrage den biblischen Text frei auf unsere Verhältnisse): Wenn er nicht mit sich reden lässt, dann nimm noch einen oder zwei andere dazu, die als Zeugen oder auch als Vermittler helfen können, den Konflikt zu schlichten. Oft sind wir dazu zu stolz, vor allem, wenn es um familiäre Konflikte geht. Da sagt man: "Das geht niemanden etwas an; das schaffen wir allein." Und dann geht es doch nicht. Gleich zu Beginn der Bergpredigt werden die Vermittler, die Friedensstifter selig gepriesen. Wir sollten ihren Dienst in Anspruch nehmen, freilich nur die, die ein Gespräch auch wirklich sachgerecht und unparteiisch moderieren, die Streitpunkte klären und Gemeinsamkeiten herausarbeiten können. Und die darauf verzichten ihre Lösungen durchzusetzen. Aber es gibt Situationen, in denen auch das nicht klappt.

Dann greift der dritte Schritt: Bring die Sache vor die zuständige Autorität, also den Vorgesetzten, die Gemeinde oder das Gericht. Hier werden nicht die unterstützt, die immer gleich Anzeige erstatten, dem Bischof schreiben oder alles in die Öffentlichkeit zerren. Aber es heißt, dass es besser ist, die zuständige Autorität einzuschalten, als alles unter den Teppich zu kehren oder Privatjustiz zu üben.  Aber nicht selten hilft auch das nicht.

Dann greift der hart klingende vierte Schritt: Hört er auch auf die zuständige Autorität nicht, dann lass ihn stehen und meide ihn. Also trotz aller Aufforderung Jesu zum Zugehen auf den Konfliktpartner und zum Vergeben, sagt Jesus doch auch: Wenn der Andere sich stur stellt, musst du ihm nicht ewig nachlaufen. Mach deinen Seelenfrieden nicht davon abhängig, dass der Andere mit dir Frieden schließt. Sei selbständig und bleib zugleich offen, wenn sich doch noch eine Chance zur Versöhnung zeigt.

 

Soweit der biblische Text. Ich möchte noch einige Gesprächsregeln für Konflikte konkretisierend hinzufügen:

-        Lasst einander ausreden und hört einander wirklich zu. Überlegt eure Antwort erst, wenn ihr den anderen verstanden habt. Redet auch nicht zu lange. Unterbrechen und zu langes Reden sind Aggressionsformen. Notfalls muss man eine Redezeit vereinbaren.

-        Versucht ohne Schuldzuweisung und ohne Moralisieren und Vorwürfe. Also ist es besser zu sagen: „Mich stört dein nächtlicher Lärm“ als zu sagen: „Es gehört sich nicht, um Mitternacht noch so viel Lärm zu machen.“ Dabei ist es in der Regel gut, davon auszugehen, dass an einem Konflikt selten einer alleine Schuld ist, sondern oft beide Parteien, und dass es daher meist mehr bringt, nach Lösungen zu suchen, statt moralische Schuld aufzurechnen. Natürlich muss Schadensverursachung soweit möglich geklärt werden.

-        Versucht zu vermeiden, dass es Gewinner und Verlierer gibt. Wenn zum Schluss beide zufrieden sind, dann hält der Frieden meist länger. Gedemütigte aber rächen sich oft.

 

Ich glaube, dass die Art, wie Jesus Konflikte immer wieder offen anspricht und wie wir hier aufgefordert werden, sie offen zu regeln, manchmal rau sein kann. Zugleich ist sie nützlich. Solches Vorgehen macht uns erwachsener und reifer. Es schafft im privaten und öffentlichen Leben mehr Frieden.

Gerade als Christen sollten wir hier ein Vorbild sein. Man sollte nicht nur von uns sagen können: "Seht, wie sie einander lieben!" sonder auch: "Seht wie fair sie ihre Konflikte regeln!" An Konfliktkultur fehlt es in der Kirche oft weit. Wenn wir da etwas hinzulernen, können wir einen wichtigen Beitrag leisten zum Zusammenleben in einer Gesellschaft, die von Konkurrenz und Mobbing geprägt ist.

Das ist alles nicht einfach, aber auf die Dauer das Leichtere. Und manchmal ist es realistischer von Fairness zu sprechen und nicht gleich von Liebe.

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