Für mich ist Christus das Leben und Sterben ist mir Gewinn.

24. September 2017, Erntedank, Phil.1, 20-27; Mt.20,1-16.

Das  ist schon ein steiles Wort, das Paulus da spricht: „Für mich ist Christus das Leben und Sterben ist mir Gewinn.“  Können wir das für uns auch so sagen? Manchmal habe ich ja alte Leute erlebt, die gern gestorben sind. Nicht weil sie des Lebens überdrüssig waren. Sie waren im Großen und Ganzen mit dem Leben zufrieden und dankbar, meinten aber: „Jetzt reicht es.“ Und manchmal waren sich auch wirklich davon überzeugt, dass sie zu Gott nach Hause gehen. Sie sind friedlich gestorben. Aber sehr häufig ist das nicht, wie mir scheint. Wir klammern uns doch in der Regel sehr am Leben fest und ich habe manchen über Achzigjährigen erlebt, der es sehr ungerecht fand, dass er jetzt sterben soll. Also: Wie ist es bei uns? Können wir mit Paulus sagen: “Ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn.“ (Röm.14.8)? Das Sterben ein Gewinn? Wenn jemand lebensmüde, schwer depressiv oder verzweifelt ist, dann kann er das eher so sehen. Aber lebensmüde war der Paulus eigentlich nicht, obwohl er viel durchgemacht hat. Und seine Philipper, an die dieser Brief gerichtet ist, hat er geliebt. Und weil er glaubt, dass er auf dieser Erde noch eine Aufgabe hat, ist er auch einverstanden, noch ein wenig zu rackern und für die Menschen da zu sein.

Hier geht es um den Glauben, dass wir erst dann am Ziel sind, wenn wir dieses Leben hier verlassen haben und ohne innere und äußere Behinderung bei Gott sind und damit auch verbunden mit allen Menschen, gerade mit denen, mit denen wir auch hier auf Erden zu tun hatten. Natürlich können wir uns das jetzt nicht vorstellen, weil es ein Leben jenseits unserer Vorstellungskraft sein wird, und die ist ausschließlich von diesem Leben geprägt. Aber Unvorstellbares gibt es schon in unserem Leben, z.B. unsere Seele oder das Geistige in uns oder auch die letzten Bausteine der Materie. So verschieden das alles ist, wirklich ist es trotzdem.

Hier geht es um den Kern unseres Glaubens und auch um den Angelpunkt unserer christlichen Lebensgestaltung. Im ersten Korintherbrief sagt Paulus im 15. Kapitel: Wenn wir nur für dieses Leben an Christus glauben, dann geht das alles nicht auf. Die Verkündigung von Christus und der Liebe und Treue Gottes ist nur schlüssig, wenn auch die Toten, vor allem die im Glauben und um des Glaubens und der Gerechtigkeit willen Gestorbenen bei Gott aufgehoben sind.

 Im Kopf glauben wir ja hoffentlich an die Auferstehung – leider tun das auch viele Christen nicht -  aber in der Praxis leben wir oft anders. Die Sorge um die vergänglichen Güter, wie Besitz und Ansehen und viele Beziehungen, füllt uns oft mehr aus, als die Sorge um das Wohlergehen des Nächsten und um unsere Beziehung zu Gott. Wenn wir an den Gütern, die wir nicht notwendig zum Leben brauchen, so hängen, dass wir nicht mehr Zeit und Energie haben, uns um unsere Beziehungen zu Gott und den Menschen zu kümmern, wenn unser Besitz wichtiger ist, als die Lebensgrundlage der Armen dieser Welt, dann glauben wir in diesem wichtigen Punkt nicht tatsächlich an die Auferstehung, sondern an die Botschaft: Was du hier im Leben nicht mitbekommst, das kriegst du auch nicht mehr.

Wenn wir beim Tod eines Angehörigen sagen: „Wenn er doch wenigstens die Hochzeit seiner Tochter oder die Geburt seines Enkels noch erlebt hätte!“ dann glauben wir nicht, dass die für unsere Welt Toten in der Fülle des Lebens und mit aller lebendigen Wirklichkeit verbunden sind. Es stimmt schon, dass die Toten mit uns sind, wenn ich auch nicht sagen kann, wie das genau geht.

Glauben wir wirklich mit Herz und Gemüt, dass wir auferstehen und bei Gott sein werden? Glauben wir es dann, wenn es Mühen kostet oder wenn unser Bekenntnis gar das Leben oder die Gesichertheit unserer Existenz bedroht? Jesus stellt diese Frage mehrfach, auch im heutigen Evangelium, denn auch hier geht es um das letzte Gericht vor Gott und um seine letzte Gerechtigkeit und Großzügigkeit, wo keiner zu kurz kommt und doch auch die Letzten mitunter die Ersten sind, ohne dass wir es verstehen. Gott sei Dank, dass es nicht immer nach unserem Verständnis geht.

Der Glaube, dass unser Leben in Gott geborgen ist und dass uns der Glaube an die Auferstehung zu wirklicher Menschlichkeit befreien kann, zu diesem Glauben sind wir heute gerufen und daran werden wir erinnert. Beten wir für einander um diesen Glauben.

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