Gott lieben von GANZEM HERZEN, von GANZER SEELE und mit ALLEN MEINEN KRÄFTEN?

29. Oktober 2017, ; Exod. 22 20-26; 1 Joh. 4.7-12 + 20-21; Mt. 22. 34 – 40.

Den Evangelienabschnitt, den wir gerade gehört haben, finden wir in den ersten drei Evangelien und er wird mit leichten Varianten auch jedes Jahr gelesen. Auch die Lesung aus dem Buch Exodus dürfte Ihnen bekannt vorgekommen sein: Das Eintreten Gottes für die Fremden und die Schwachen im Volk. Ebenso ist uns das Wort aus dem ersten Johannesbrief bekannt: die Liebe zu Gott konkretisiert sich für uns zunächst in der Liebe zu unseren Mitmenschen. Ich habe nun aus den Themen, die mit diesen Schriftstellen angesprochen werden, nur eines ausgewählt: Gott lieben aus ganzem Herzen…. Geht das?

Im heutigen Sprachverständnis wird Lieben weitgehend mit Gefühlen und Erotik verbunden. Da kommt dann unweigerlich: Gott, den man nicht sieht,  kann man doch nicht lieben. Wir wissen auch, wie unser und anderer Leben durcheinander kommen kann, wenn wir jedem Liebesimpuls oder jeder erotischen Anregung nachgeben, wenn wir unseren Verstand dabei ausschalten und vor allem, wenn wir Werte wie Treue, Verlässlichkeit oder Achtsamkeit für die Gefühle der Anderen vergessen. Liegt hier vielleicht der Kern der Liebe?

Liebe heißt auch nicht, den Anderen überversorgen, unselbständig machen und ihm jede Schwierigkeit ersparen. Auch uns selbst lieben wir kaum auf die rechte Weise, wenn wir jedem ersten Bedürfnis nachgeben, immer nur das machen, worauf wir gerade „Lust“ haben. Wenn wir z.B. alles essen, wonach uns gerade gelüstet, dann führt das bei nicht wenigen zur Lebensverkürzung.

Liebe heißt vor allem nicht, die Anderen zu vereinnahmen. Seien Sie vorsichtig, wenn Ihnen jemand versichert: „Ich habe dich zum Fressen gern.“

Lieben heißt wohl zunächst, bejahen, dass der andere da ist, ihm Raum zu seinem ihm eigenen Leben geben und ihn wertschätzen, so wie er ist. Ich muss nicht alles gut finden, was der andere macht, aber ich muss zu verstehen suchen, warum er es macht. Ich muss nicht toll finden, was aus ihm geworden ist, aber annehmen, dass auch er ein begrenzter Mensch ist, der nicht als Engel vom Himmel gefallen ist. Er wurde von seiner Mutter geboren und mit allen Gaben und Schäden ins Leben geschickt, die ihm seine Familie und sein Umfeld mitgegeben haben.

So gesehen ist Liebe erst einmal etwas Nüchternes und verliebt Sein und sich geborgen fühlen sind eher die angenehmen Beigaben der Liebe, die wir alle auch brauchen, um leben und uns entfalten zu können.

Und nun sollen wir Gott ‚aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit allen unseren Kräften lieben‘ und zwar zu aller erst in unseren mitunter schwierigen Mitmenschen. Wir wissen doch hoffentlich alle, wie hin- und hergerissen unser Herz und unser Denken oft sind, wie wir Andere ebenso spontan oder auf Grund von schlechten Erfahrungen ablehnen, wie wir – hoffentlich – versuchen, sie zu akzeptieren, vielleicht zu lieben. Wir wissen, dass wir oft mehr selbst geliebt werden wollen, als wir bereit sind, Liebe zu schenken. Schließlich glauben viele, dass sie doch einen großen Nachholbedarf haben, nachdem ihnen ihrer Einschätzung nach im Leben zu wenig Liebe zugekommen ist.

Ich weiß noch, wie ich im Beichtunterricht dieses Reuegebet gelernt habe: „Dich liebt, oh Gott, mein ganzes Herz – und dies ist mir der größte Schmerz, – dass ich verletzt dich höchstes Gut, - ach wasch mich rein mit deinem Blut.“ Ich habe mir später überlegt, warum ich bei der Beichte schon wieder lügen soll, und dass es doch sinnlos ist, Gott was vorzumachen. Ich liebe doch Gott nicht von ganzem Herzen. Es ist mir noch wichtiger, Recht zu bekommen gegen meinen älteren Bruder, und ein Fußballspiel oder Ausflug kann mir wichtiger sein, als der Sonntagsgottesdienst. Und es ist wirklich nicht mein größter Schmerz, dass ich meiner Mutter nicht gehorcht habe. Ich habe später lieber gebetet: „Hilf mir, mit meinem Bruder und meinen Eltern einigermaßen zurecht zu kommen und nicht immer gleich wütend zu werden.“ Ja, als Kind ist es noch leichter ehrlich zu sein.

Gott aus ganzem Herzen zu lieben, heißt nicht, dass wir das können müssen. Gott will nur, dass nach und nach alle Kräfte unserer Seele geeint werden in einem Ziel und nicht mehr zerrissen sind. Wenn wir Gott lieben und den Nächsten wie uns selbst, dann werden darin alle Grundbedürfnisse des Lebens zur Ruhe kommen, denn Gott will nur unser Bestes. Und den Nächsten zu lieben wie uns selbst,  heißt nur, unsere Verbundenheit mit den Mitmenschen wahrzunehmen und uns in der Ablehnung des Anderen nicht selbst zu verletzen. Und alle anderen Gebote müssen und dürfen mit diesem Maß gemessen werden: Halte ich mich an eine Vorschrift, wegen des friedlichen Zusammenlebens, gehe ich zum Gottesdienst, weil sonst meine Beziehung zu Gott vertrocknet, oder erfülle nur ich ein sinnloses Gesetz?

Gott aus ganzem Herzen zu lieben und den Nächsten wie uns selbst, heilt unser Leben von innerer Zerrissenheit. Es schenkt uns Einheit in uns selbst und mit Gott und den Menschen, eine Einheit, die wir dringend brauchen.

Zurück zu Predigten