SEID WACHSAM !

12. November 2017, 1.Thess.4.13-18; Mt.25.1-13

Ist das nicht zu brutal, wenn die schusseligen Teenager wegen ihrer Kurzsichtigkeit von dem himmlischen Fest  unwiderruflich ausgeschlossen sind?  Die sind nun mal so – nicht immer, wie an den anderen fünfen zu sehen ist – aber mitunter. Und hätten die  Klugen ihr Öl nicht doch mit den Dümmeren teilen können, wäre das nicht christlicher gewesen?  Wer kann schon was dafür, wenn er schusselig ist?! Ich kann verstehen, wenn gerade jüngere Leute sich eher mit den eher sponti lebenden Mädchen identifizieren und nicht so mit den vorbildlichen.

Keine Angst! Gott hat sehr viel Geduld, viel mehr als wir, und erst recht, wenn es um Jugendliche geht. Das aber ist hier nicht das Thema. Gleichnisse heben immer ein Thema holzschnittartig heraus und das ist hier die Wachsamkeit, die geistige Offenheit, die Ansprechbarkeit . Und die Bilder sagen uns, was wir eigentlich schon wissen, aber auch gerne verdrängen: Nehmt das Leben in die Hand, entscheidet euch,  bevor es zu spät ist. Kinder kann man nur in einem bestimmten Alter erziehen, auf die Gesundheit  müssen wir achten, solange wir sie haben – der Rest ist nur noch Schadensbegrenzung. Um eine Beziehung müssen wir uns kümmern, solange die Geduld des Anderen nicht völlig erschöpft ist, und für Versöhnung ist es teils zu spät, wenn der Andere tot ist

Es gibt genug Aufgaben, um die wir uns rechtzeitig kümmern müssen, privat und gesellschaftlich: Die Erziehung und Bildung der Kinder und Jugendlichen, die menschliche und sachliche Versorgung der Alten, und manches mehr, worüber jetzt unter anderem in den Koalitionssondierungen gesprochen wird. Aber das ist nicht nur die Sache der Politiker, sondern auch unsere persönliche Aufgabe, von der Gesundheitsvorsorge über die Erziehung der  nächsten Generation bis zur menschlichen Versorgung der Alten.

Wir müssen den Horizont weiter spannen: Den Kriegs- und Hungerflüchtlingen im Nahen Osten, in Afrika oder im Jemen  muss jetzt geholfen werden, bevor der Winter kommt. Am besten vor Ort.  Jesus Christus steht jetzt als Flüchtling vor unserer Tür und er sitzt in einem Elendslager irgendwo in der Welt, vor allem in Gestalt der hungernden Kinder. Und wir können den Fall der innerdeutschen Mauer nicht feiern ohne jetzt der Toten  an den befestigten Grenzen Europas zu gedenken und unseren Beitrag dazu zu leisten, dass diese Grenzen wieder durchlässig werden und ehrlich nach Lösungen gesucht wird, die leistbar sind und unserer Theorie von Menschenwürde entsprechen.  

 

Auch gegen die Klimaveränderung müssen wir etwas tun, bevor es zu spät ist. Aber dem Evangelium geht es nicht nur um diese praktische und innerweltlich vorausschauende Klugheit und Gerechtigkeit.

Dem Evangelium geht es noch mehr darum, dass wir uns vorsehen, um nicht mit leeren Krügen dazustehen, wenn wir letztendlich vor Gott stehen. Weiter konkretisiert heißt das: Unser Glück hier und heute nicht in der schnellen Befriedigung unserer Bedürfnisse zu suchen, sondern in dem, was Bestand hat; was uns bleibt, wenn wir krank, alleinstehend oder arbeitslos werden, wenn unsere Lebensprojekte scheitern, und was auch noch bleibt im Augenblick des Todes oder vor Gottes Angesicht. Das Öl in den Krügen der Mädchen ist geteiltes Leben und geschenkte Güte. Das ist nicht das Teilen, bei dem es dann wirklich  für alle nicht reicht; es ist eine innere Haltung, die Aufmerksamkeit darauf, was die Anderen jetzt wirklich brauchen, und was alles möglich ist, wenn wir wollen. Es ist die Bereitschaft, wach zu sein, wenn der „Bräutigam“ kommt, wenn der Herr uns begegnen will in einer Situation, die uns anfordert, vor allem aber in einem Menschen, der uns braucht oder der uns gerade das Geschenk oder die Hilfe anbietet, die wir brauchen. Ja, uns zu einem Fest einladen zu lassen, kann genauso unsere Wachsamkeit verlangen, wie wir wach dafür sein müssen, eine Einladung abzulehnen, wenn wir spüren, dass wir da wirklich nicht hingehören.

Dabei geht es nicht darum, jetzt nur Verzicht zu üben, um später etwas Dauerhaftes zu haben. Es geht darum schon  jetzt das wirkliche Leben zu suchen und seine Schönheit zu feiern. Es geht darum jetzt zu entdecken, dass wir gut leben können, ohne viel zu haben, und dass es schön ist, sinnvolle Hilfe, die wir gewähren können, auch zu leisten. Es ist freilich zunächst etwas anstrengender, als bei den schnellen Befriedigungen zu bleiben, aber es ist nicht nur Askese, es schenkt auch die Erfahrung erfüllten Lebens. Wenn wir aber die Schönheit dieser bleibenden Güter nicht finden, wenn das Gute nur schwer ist, dann machen wir etwas falsch: Dann überfordern wir uns, laufen den falschen Idealen und Ansprüchen nach oder halten Gott für einen harten Richter, der verlangt, was wir nicht leisten können.

Jesus benutzt für das, wozu er uns einlädt, immer wieder das Bild der Hochzeit oder des Festmahls. Er ruft uns nicht auf die Dauer in die Wüste oder unter das Kreuz, er hat auch selbst mit den Menschen gefeiert – freilich vorwiegend in einfachen Verhältnissen und nicht auf Kosten anderer. Er lädt uns ein, achtsam zu sein, wo uns heute echtes Leben entgegenkommt, damit wir es aufnehmen, ihm dienen und uns daran freuen. Wenn wir so auf das wirkliche Leben achten, dann wird uns auch der Tod nicht fundamental erschrecken können. Paulus hat uns das in der Lesung gesagt. Wir werden den Tod auch als Tor zum endgültig befreiten Leben sehen.

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