Wachsamkeit für die Armen

19. November 2017, 1. Thess. 5. 1-6; Matth. 25. 14-30

Wieder so ein hartes Ende des Evangeliums wie schon am letzten Sonntag, wo es am Schluss des Gleichnisses von den „klugen und törichten Jungfrauen“ hieß, den gedankenlosen Mädchen seien die Türen zum himmlischen Hochzeitsmahl endgültig verschlossen, weil sie nicht wachsam waren. Um diese Wachsamkeit oder Aufmerksamkeit ging es, nicht darum, dass Gott kein Verständnis für schusselige Teenager hätte. Das heutige Evangelium schließt sich  bei Matthäus unmittelbar an den Abschnitt vom letzten Sonntag an und es geht wieder darum, dass wir auf unser Leben sorgsam achten und dass wir die Gaben, die uns geschenkt sind, nicht  vergraben und unbeachtet lassen. Das würde den Schöpfer, der sie uns geschenkt hat, verachten. Darum geht es in dem Gleichnis – das zugegebenermaßen viele Interpretationen kennt – und nicht um die Bestätigung des kapitalistischen Prinzips, dass denen, die nichts haben, auch noch das wenige weggenommen und den Reichen gegeben wird. Die Reihe der Reden Jesu zur Wachsamkeit wird dann am nächsten Sonntag, dem letzten im Kirchenjahr, mit dem großen Bild vom Weltgericht abgeschlossen. Da wird ganz deutlich, worum es bei der Wachsamkeit vor allem anderen geht: Um die  Achtsamkeit für unsere Mitmenschen. „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan bzw. nicht getan.“

Damit passen das heutige Evangelium und der von Papst Franziskus ausgerufene Welttag der Armen gut zusammen. Es geht darum, dass wir ein offenes Auge, ein offenes Ohr haben, wenn uns Christus in der Gestalt der Armen begegnet. Es geht auch darum, dass wir die Armut als Gabe sehen lernen, aus der wir in unserem Leben etwas machen können. Wenn wir weniger besitzen, dann sehen wir leichter, was wirklich wichtig ist im Leben. Das Teilen und die Begegnung mit den Armen müssen wir nicht als Last sehen, sondern als Hilfe, der Botschaft Christi in der Tat zu folgen und nicht nur im Gottesdienst am Sonntag und in ein paar frommen Worten.

 

Papst Franziskus sagt in seiner Botschaft zum Welttag der Armen, diese seien kein Problem, sondern eine Kraftquelle, aus der wir schöpfen können. Haben Sie schon mal so herum gedacht? Wir können den Dienst an denen, die jeweils ärmer sind als wir, als Möglichkeit sehen, das Glück der Nächstenliebe zu erfahren und Christus in denen zu dienen, die in unserer Gesellschaft und die auch in unserer Nähe eher an den Rand geschoben werden: die Armen, nicht wenige Alte und Kranke oder die Gescheiterten.

Ich will jetzt nicht viel von den Reichen reden, von den 10% der deutschen Bevölkerung, denen 90% der Güter  in Deutschland gehören. Auch nicht von denen, die für 450 Millionen ein Bild von Leonardo da Vinci ersteigern können, wie letzte Woche geschehen. Da geht es um eine Summe, die die Vereinten Nationen bräuchten, um die Hungernden in den Dürrezonen Afrikas und in den Flüchtlingslagern des Nahen Osten zu versorgen mit Nahrung, Medizin und Bildung für die Kinder. Dann kämen viel weniger zu uns. Das hieße ‚Fluchtursachen bekämpfen‘.  Im Jahr 2016 ist die Zahl der Hungernden weltweit wieder von 770 mill. auf 815 mill. gestiegen. Gleichzeitig stieg auch weltweit die Zahl der Millionäre und Milliardäre sowie die der Übergewichtigen.

Hier sitzen nun nicht die „Reichen“. Nicht wenige haben vielleicht auch nur eine Rente die knapp über oder gar unter dem liegt, was in unserem Land als Mindestausstattung für ein menschenwürdiges Leben gilt. Aber für uns alle gilt: Wir können für die Armen beten. Wir können Stimmung machen für mehr Gerechtigkeit auf der Welt. Wir können die in Bonn verhandelnden Parteien per Mail oder Internet auf ihre Pflicht zur Klimarettung – eine wesentliche Frage der Armutsbekämpfung – auf ihre Pflicht zu effektiver Entwicklungszusammenarbeit, auf unsere Verantwortung gegenüber den sozialen Randgruppen und gegenüber den Flüchtlingen und auf unsere Verantwortung für eine gerechtere Wirtschaftsordnung bei uns und weltweit hinweisen. Einige von uns könnten aber vielleicht  wirklich nicht nur spenden, sondern auch teilen. 5 Mill. Kinder werden wohl – so die UN – dieses Jahr verhungern. Was sagen wir, wenn sie beim jüngsten Gericht gegen uns aufstehen?

Wir können in den Armen Christus begegnen, wir können die Freude des Teilens erfahren oder wir können diese Chance verspielen. Gott gebe uns, dass wir uns richtig entscheiden.

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