Annehmen und angenommen sein erlöst.

25. Dezember 2017, Weihnachten, Tit.3.4-7; Joh 1.1-18

Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut voll der Liebe und Wahrheit. Jetzt nicht mehr? Ja und nein. Natürlich haben die Menschen damals Jesus anders gesehen oder erlebt, als wir heute. Und die Glaubenden haben ihn anders gesehen als die Skeptiker oder als seine Feinde. Die Frauen haben ihn mehr verstanden als die Jünger: Sie standen unter dem Kreuz, sie haben als erste den Auferstandenen erlebt, aber auch wieder ganz anders als vor seinem Tod. Wenn Johannes wagt zu sagen: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, dann kann er das nur Kraft des Geistes tun, der den Jüngern und der Gemeinde geschenkt worden ist.

Gottes Menschwerdung war trotz aller lukanischer Ausmalung der Geburtsgeschichte nicht geeignet, die messianischen Erwartungen seiner Zeit zu erfüllen. Jesus ist in Bescheidenheit und Armut geboren und ich glaube, dass er auch heute noch eher in einem Slum zu finden ist oder in einer ärmlichen Kirche als in unserem Reichtum. Er hat von vorne herein deutlich gemacht, dass er uns aus unserer Verlorenheit herausholen will, und das nicht mit äußerer Macht und Größe. In Macht und Größe geschieht immer wieder Unrecht und auch seine Versuchungsgeschichte zeigt deutlich, dass er den Weg der Macht ablehnt. Er will uns erlösen in Liebe, in einer Liebe die unser Leben und vor allem unser Elend teilt, in einer Liebe, die uns annimmt, wie kaputt und verdreckt wir auch sein mögen. Er bietet uns nicht nur an, uns aus unserer Verlorenheit herauszuholen, er teilt sie mit uns vom Stall bis zur Verlassenheit am Kreuz. Unser Leiden ist jetzt auch Gottes Leiden und damit ist es nicht hoffnungslos. Weil er mit uns ist, können wir Freiheit, Erlösung und Leben finden. Ich hoffe, wir alle haben es schon erlebt, dass es weiterhilft, heilt oder tröstet, wenn eine den andern in Leid und Not nicht zuerst belehrt oder beurteilt, sondern in den Arm nimmt oder sonst wie bei ihm aushält und auch nach Kräften hilft.

Kyrill von Alexandrien, einer der bedeutenden frühchristlichen Theologen (+444) hat gesagt: „Was nicht angenommen ist, ist auch nicht erlöst.“ Das gilt in umfassendem Sinn und wird im letzten Jahrhundert von der Gestalttherapie aufgegriffen, deren Begründer, Fritz Pearls sagt: „Was nicht angenommen ist, kann auch nicht verändert werden.“ Eigentlich wissen wir das: Eine Krankheit, die wir nicht wahrhaben wollen, kann nicht geheilt werden. Die wird schlimmer. Ein Kind oder eine Jugendliche, die wir nicht von Herzen annehmen, erst mal wie sie sind, die können wir nicht erziehen. Wir werden sie nicht verstehen und sie werden sich uns instinktiv widersetzen oder an uns zerbrechen. Und wenn wir uns selbst nicht annehmen, werden wir mit uns nicht zufrieden und werden uns nicht weiterentwickeln. Annehmen heißt nicht, alles gut finden, aber akzeptieren ohne verurteilen, dass es erst mal so ist, wie es ist. Nur in einer Atmosphäre der Liebe können wir heilen und  gedeihen. Nur dort wächst Gemeinschaft und Vertrauen. Meine Fehler und Schwächen bessern sich nicht zuerst durch Tadel sondern durch Verständnis, und wenn ich mich selbst grundlegend annehme.

Christus hat diesen Weg nicht zuerst gepredigt, sondern schon als Kind  gelebt. Im ältesten Christushymnus, dem aus dem Philipperbrief, heißt es: Er, der Gott gleich war, gab alles auf und wurde uns Menschen gleich…bis zum Tod am Kreuz. Darum hat Gott ihn auch erhöht. Ja, das ist Gottes Größe: Er liebt, er nimmt uns an bis zur Selbstaufgabe.

Unsere Welt blutet aus vielen Wunden: Hunger, Krieg, Armut, Totalitarismus und Flüchtlingselend. Davon sind wir weitgehend verschont. Aber die verdeckten Verletzungen kennen auch wir: Versteckte Armut, Krankheit und Tod, zerbrochene Beziehungen und verratene Freundschaft. Nicht zu vergessen: Das persönliche Scheitern und Versagen.

Das alles teilt Gott mit uns, das Leid der verhungerten Kinder im Jemen und der Gefolterten rund um den Globus; das Leid der psychisch Kranken und der vernichteten Existenzen. Und seine Botschaft ist: Heilung geschieht nicht durch Gewalt, sondern durch Annehmen, Teilen und Verstehen. Wenn wir die Ursachen von Hunger und Krieg nicht verstehen, wenn wir nicht auf einander zugehen, dann gibt es kein Ende dieser Plagen. Wenn wir Putin, Trump und ihre Wähler nicht verstehen, dann droht Chaos. Wenn wir rechte oder linke, islamische oder deutschnationale Extremisten und ihre Sympathisanten nicht verstehen, werden wir ihnen nicht begegnen können; integrieren werden wir sie so schon gar nicht. Ich denke schon, dass sich der Staat auch wehren muss. Aber nur staatliche Gewalt und kein Verständnis, das wird nichts. Freilich können Gewaltlosigkeit und Liebe scheitern, wie Jesus am Kreuz gescheitert ist. Aber sie können auch Frieden bringen. Erlösung bringen sie allemal, denn Gott steht auf ihrer Seite. Das ist die Hoffnung von Ostern, das ist schon die Botschaft von Weihnachten, die Botschaft der Liebe. Gewalt, Ablehnung und Unverständnis aber scheitern auf Dauer.

Die Herrlichkeit des Vaters ist Gnade, ist Liebe und Wahrheit. Christus kam zu uns um in unserem Fleisch, in dieser herrlichen und kaputten Menschheit zu zeigen, dass wir aus Wahrheit und Liebe leben können, weil Gott mit uns ist. Glauben wir seiner Botschaft!

Zurück zu Predigten