In der "Wüste", zwischen Teufeln und Engeln, mit Gott und mit sich selbst klar kommen.

18. Februar 2018, Gal 1.13-23; Mk. 1.12-15.

Jedes Jahr weist uns die Kirche zu Beginn der Fastenzeit auf Jesus hin der vor seinem öffentlichen Wirken vom Geist Gottes in die Wüste geführt wird, um versucht zu werden. Was soll das? Es wird wohl kaum der Geist Gottes hinter Versuchungen stecken, die zum Bösen verführen sollen. Das wäre ein übles Spiel.

Hier geht es um einen anderen Aspekt von Versuchung: Die innere Klärung.

Es geht darum, dass sich Jesus in der Kraft der Gotteserfahrung bei der Taufe am Jordan über den Weg klar wird, den er im Auftrag Gottes gehen soll. Die Evangelien nach Matthäus und Lukas falten das weiter aus: Es soll ein Weg des Dienstes, der Liebe und der Bescheidenheit sein und nicht der Macht und des öffentlichen Ansehens. Die Menschen seiner Zeit haben anderes von ihm erwartet: Dass er mit Macht und Gewalt dem Recht zum Sieg und dem Volk Israel zu alter Größe verhilft. Er aber soll dem Machtkampf der Menschen, dieser Quelle endlosen Unheils die Alternative des Vergebens, der Gewaltlosigkeit und des Dienstes entgegensetzen.

Auch Paulus geht nach seiner Bekehrung und Christusbegegnung vor Damaskus erst einmal in die Wüste Arabiens und wird sich darüber klar, was das für ihn zu bedeuten hat und was sein Auftrag ist. Nur mit dieser inneren Klarheit kann er die Menschen, zu denen er gesandt ist, führen

Dieser Klärungsprozess schließt noch etwas anderes ein, das uns das Markusevangelium in einem einfachen Bild zeigt: "Er war bei den wilden Tieren und Engel dienten ihm." Für mich ist das ein Bild dafür, dass auch Jesus das Wilde und das Engelgleiche, das jeder Mensch in sich trägt, zu einem Fruchtbaren Ausgleich bringen muss. Eigentlich stecken in jedem Menschen grundlegende vitale Energien: Sebstbehauptung, Durchsetzungsvermögen, Sexualität und der Hunger nach intensivem Leben. Geraten diese Kräfte außer Kontrolle, dann gibt es Unheil. Werden sie durch Erziehung oder durch Selbstbeherrschung nur unterdrückt, dann wird der Mensch zu einem energiearmen seelischen Krüppel, der den Lebenskampf nicht bestehen kann und der immer in Gefahr ist, dass sich die verdrängten Energien zerstörerisch äußern, durch Depression, durch Sucht oder durch Hinterhältigkeit. Nur wenn das Vitale in uns mit dem Engel in uns ausgesöhnt ist, wenn wir unsere Energien leben, in Harmonie mit uns und mit den Mitmenschen, nur wenn sie gebändigt sind, aber nicht geschlachtet, dann kann das Leben gelingen.

Umso wichtiger ist dieser Integrationsprozess für einen Menschen, dem eine große Aufgabe gestellt wird. Im Vorleben des Paulus, d.h. in Saulus dem fanatischen Verfolger der Christen wird deutlich, was fehlgeleitete Energien anrichten können. Die Begegnung mit Christus gibt ihm die Chance der Neuorientierung. Er nimmt sie an und geht erst einmal in die Wüste, um damit klar zu kommen.

Wie kann diese Integrationsleistung in uns geschehen?

Auch dazu geben die Texte des heutigen Sonntags einen wichtigen Hinweis: Jesus und Paulus ziehen sich in die Wüste zurück. Sie leben dort in der Stille und in der Kargheit.

Die christlichen Gegner der Meditation haben schon teilweise recht, wenn sie sagen, in der völligen Stille könne der Teufel in das Herz des Menschen schleichen. In der Stille kommen in der Tat auch unsere negativen Energien und Impulse zu Wort. Sie werden bewusst und das gibt uns die Chance, uns mit ihnen auseinander zu setzen und die Kraft die in ihnen steckt zum Guten zu wenden. Das kann heißen, dass wir sexuelle Gier in selbstlose Liebeskraft verwandeln, Machtstreben in gemeinnützige Initiative und blinden Eifer in geduldiges Wirken für Wahrheit und Gerechtigkeit.

Wir brauchen diesen Klärungs- und Umgestaltungsprozess und daher treibt Gottes Geist Jesus und Paulus in die Wüste. Und daher lädt uns die Kirche zu Beginn der Fastenzeit ein, die Stille und das Gebet zu suchen, damit wir mit uns klar kommen und fähig werden, in der Stille auf uns und auf Gottes Wort und Führung zu hören.

Und noch etwas sagt das Bild der Wüste: Es ruft zur Kargheit. Wer alle Bedürfnisse und innere Unruhe in Genuss, Unterhaltung, Arbeit oder Rauschmitteln versenkt, wer sich selbst, so wie er ist, nicht aushält, der kommt nie zu innerer Klarheit und Ruhe. Daher Fastenzeit. Es geht nicht darum, dass Sie möglichst auf alles verzichten. Es geht darum, dass Ihre Aufmerksamkeit für sich selbst und die Stille möglich wird.

 Fastenzeit ist nicht eine Zeit spirituellen und asketischen Leistungssports. Sie ist eine Zeit, zu uns, zu unserem wahren Wesen und Weg zu kommen, eine Zeit, für uns und für einander und damit für Gott frei zu werden. Ich möchte Ihnen dazu Mut machen. Auch wenn die Wüste mitunter Angst macht. Wenn Sie das aushalten, dann führt sie auch zu großem inneren Frieden.

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