‚Die Hoffnung, die uns erfüllt,‘ zeigt sich in tätiger Liebe.

18. März 2018, Misereorsonntag. 2 Kor. 8.1 – 24; Joh. 13. 12- 15; 15.8-13

Die vierte der Fastenpredigten dieses Jahres soll von der Hoffnung sprechen, die uns erfüllt. Sie soll davon sprechen, worüber wir jederzeit Auskunft geben sollen, wenn Andersgläubige uns danach fragen. So soll der Kreis geschlossen werden, der das biblische Motto unserer Verantwortungsgemeinschaft Zentrum hoffentlich prägen wird: „Seid jederzeit bereit, Antwort zu geben, wenn andere euch nach der Hoffnung fragen die euch erfüllt, aber tut es bescheiden und respektvoll.“ (1 Petr. 3.14)

Wodurch sollen denn „die Anderen“ etwas von der Hoffnung merken, die uns erfüllt? P. Philipp hat letzten Sonntag schon von der Familie gesprochen, die im Elternkreis ihrer Kita wegen der Art ihres  Umgangs mit einander von anderen gefragt wurde, was sie denn ‚Besonderes‘ hätten. Zwei Dinge weisen uns diesen Sonntag in die gleiche Richtung: Heute ist, wie Sie sicher wissen, Misereorsonntag, an dem die Kirche in Deutschland um das Fastenopfer für die Hungernden in der Welt bittet. Zum anderen hat Propst Giele gemeint, wir sollten über die ‚kirchlichen Orte‘ im Bereich unserer Verantwortungsgemeinschaft zu sprechen, an denen die Zuwendung der Kirche zu den Menschen am Rand unserer Gesellschaft besonders deutlich wird. Ja, was tun wir, wenn 50% der Deutschen nach jüngstem Politbarometer meinen, Armut sei ein Problem bei und 80%, die Schere zwischen Arm und Reich gehe immer mehr auseinander. Damit das konkret wird, habe ich nun den Chef des Leipziger Caritasverbandes, Herrn Strieder,  eingeladen, Vertreter verschiedener Arbeitsfelder für einen kurzen Bericht in unsere Gottesdienste zu entsenden. In jedem Gottesdienst wird nun ein anderer, aus der Bahnhofsmission, der Oase, aus der Sozialberatungsstelle am Johannesplatz und aus dem Kinder- Jugend- und Familienzentrum in Grünau, darüber sprechen, wie es aussehen kann, wenn die christliche Hoffnung in der Zuwendung zu Menschen mit wenig Hoffnung gelebt wird.

Vielleicht denken jetzt einige: Das mag ja langatmig werden, wenn jetzt Misereor, ein Bericht aus der Caritas und noch ein Stück biblische Motivation zusammenkommen sollen. Aber keine Angst: Misereor und Caritas, die Sorge für die Armen bei uns und in der Welt, sind das gleiche Thema. Unsere Hilfe ist gefragt in unserem Gebet für alle; in unserer praktischen Hilfe – also hier vor Ort – und in unserer Spende, die einen Beitrag leisten soll zu dem Ausgleich zwischen unserem – im Vergleich zur Welt – großen Reichtum und der schreienden Armut in den Krisen und Hungergebieten unserer Erde. Wie wir nach der Meinung des Papstes und vieler Fachleute Ökologie und Kampf gegen die Armut nicht trennen können, so erst recht nicht die Sorge für die Armen hier und weltweit.

Bevor ich etwas zur biblischen Motivation sage, erst mal ein kleiner Ausschnitt aus dem Wirken der Caritas: hier folgt in jedem Gottesdienst ein Bericht aus unterschiedlichen Praxisfeldern der Caritas.

Jesus sagt uns, wir sollten einander Liebe erweisen, damit uns Freude erfüllt. Ich habe im Kontakt mit der Caritas immer wieder den Eindruck, dass viele der Mitarbeiter trotz aller Belastung, die Befriedigung zu spüren ist, die aus sinnvollem Handeln und aus liebevollem Kontakt zu den Mitmenschen entsteht. Paulus sprach in der Lesung von der Freude, die die mazedonischen Gemeinden im Helfen fanden, obwohl sie keine besonderen Kontakte nach Jerusalem hatten. Ich wünsche Ihnen allen, dass sie an Ostern umso froher feiern können, weil einige Arme dieser Welt durch ihre Spende mit an ihrem Tisch sitzen. Und ich wünsche Ihnen, dass sie den Mut finden hier in Leipzig seelisch oder materiell Armen, Kranken und Isolierten zu helfen, damit Caritas nicht nur ein Wirken von Hauptamtlichen und Bufdies ist, sondern ein gemeinsames Werk der gesamten Gemeinde oder Verantwortungsgemeinschaft. Wie Sie bei der Caritas andocken und fachliche Anleitung finden können, lesen sie in den Flyern die reichlich draußen ausliegen. Gottes Liebe kann durch uns alle erfahrbar sein. Wie denn sonst? Wir sind Gottes Ebenbild auf Erden.

 

Die Leipziger Oase

Ich bin Christoph Köst und leite die Leipziger Oase, eine Tagesstätte für wohnungslose und bedürftige Menschen. 

Bei uns finden die Menschen nicht nur Ruhe und einen Ort an dem sie so sein können, wie sie sind, sondern auch die Möglichkeit, dreimal am Tag zu essen, sich duschen zu können, ihre Post abzuholen und gleich bei den Sozialarbeiterinnen sich zu beraten, um Lebensperspektiven zu entwickeln.

Und wir feiern auch Geburtstage und kirchliche Festtage, denn die Oase ist für viele Gäste wie ein Zuhause

Ich sitze in meinem Büro und versuche, die Anforderungen der Bürokratie abzuarbeiten.

Es klopft, als wollte jemand meine Tür einschlagen und schon steht da einer, der den kompletten Türrahmen ausfüllt – mit Tränen im Gesicht.  Komm rein, sage ich  und nimm Platz.  

Ich will beichten sagt er, jetzt sofort und bei dir. Mir verschlägst es die Sprache. Dass jemand „beichten“ sagt, ist eher selten bei uns. 

Ich, beginnt er leise, war gerade beim Doktor, Leberzirrhose im Endstadium, ich hab nicht mehr lange…  Ich schweige und dann nimmt  er  mich noch einmal mit in sein Leben -  ein schwerer Gang. 

 

Ich bin Doreen Emmerich und bin hier stellvertretend für weitere sieben Straßensozialarbeiter*innen für Erwachsene in Leipzig. Im November letzten Jahres besuchte ich eine junge Frau, die seit 14 Jahren auf der Straße lebt, auf der Intensivstation, um ihr Kleidung zu bringen und mit ihr zu sprechen. Doch ich sah keine Frau:  völlig entstellt lag sie gekrümmt auf dem weißen Laken. Ihre gelbe Hautfarbe wie eine Zitrone, stach mir sofort ins Auge. Mein Herz klopfte und mir wurde schlagartig warm. Ich ging näher zu ihr und denke:, Sie hat schon irgendwie etwas Schönes, wesenhaftes wie eine Elfe. Dennoch wird mir klar, dass es ein dramatischer, erschreckender, lebensbedrohlichen Moment ist und sie um ihr Leben kämpft.  Schwer atmend, verklebte und verschlossene Augen, räuspernd und nicht mehr anwesend, lag sie da. Die Maschinen, die fast einem Klangorchester nahe kamen, hielten sie am Leben. Ich trat an ihr Bett, um mit ihr Kontakt aufzunehmen, doch der hohe Ammoniakgehalt im Blut, verhinderte, dass sie sprechen konnte. Auf  dem Monitor sah ich, dass sie sich anstrengte. Ich verabschiedete mich, damit sie sich ausruhen kann und ihre Kraft für ihren Lebenskampf nutzt. Wie ich mich umdrehte, um zu gehen, hörte ich ein lautes durchgehendes Piepen, auf dem Monitor: Nulllinie… Ich erschrak, trat zur Seite, um die aus allen Richtungen ankommenden Ärzt*innen nicht zu behindern.  Ohnmacht, Trauer  in mir – aber ich will doch dass du lebst.

 

Sozialberatung

Mein Name ist Hanna Gradulewski. Ich arbeite bei der Caritas in Leipzig. Ich bin in der Flüchtlingsberatung und in der Beratung für Menschen mit Behinderung tätig.

Wenn ich das erzähle, denken die meisten Menschen, dass die Beratung für Menschen mit Fluchterfahrungen und für Menschen mit Behinderung zwei sehr unterschiedliche Tätigkeitsfelder sind. In der Praxis gibt es aber eine starke Verbindung: Mehr als die Hälfte der Menschen die zu mir in die Beratung kommen, haben beides - eine Behinderung und eine Fluchterfahrung.

Diese Menschen stehen vor einer doppelten Herausforderung – wie Familie A.

Familie A kam Ende 2016 aus Syrien nach Deutschland. Die beiden Eltern und ihr volljähriger Sohn, der Trisomie 21 hat, hatten das Glück, dass sie direkt über den Familiennachzug nach Deutschland kommen konnten. Ihr zweiter Sohn war schon ein Jahr vorher in Deutschland angekommen, spricht mittlerweile gut Deutsch und macht eine Ausbildung. Als rechtlicher Betreuer seins Bruders versucht er alles, so gut er kann, für seinen behinderten Bruder zu organisieren.

Aber obwohl diese Familie schon über ein Jahr in Deutschland ist und diese Unterstützung hat, wurde weder ein Schwerbehindertenausweis beantragt, noch ein Pflegegrad – ganz zu schweigen von einer Tagesförderung.

An diesem Beispiel lässt sich erahnen, wie schwer es für Flüchtlinge ist Zugang zum System der deutschen Behindertenhilfe zu bekommen. Die Beantragung solcher Hilfe- und Teilhabeleistungen ist oft mit zahlreichen bürokratischen Hürden verbunden. Aufgrund von Sprachbarrieren, kulturell unterschiedlichen Konzepten von und Erfahrungen mit Behinderung, unsicheren Aufenthaltsperspektiven und Diskriminierungserfahrungen bedarf diese Zielgruppe einer speziellen und zeitintensiveren Betreuung.

Oft übersteigt der Bedarf sogar das, was in einer Beratung geleistet werden kann. Denn eigentlich brauchen Menschen mit Fluchterfahrung einen deutschen Muttersprachler der sie bei Behördengängen, Wohnungssuche usw. unterstützt und begleitet.

Es gibt aber noch viel mehr verschiedene Bereiche und Möglichkeiten sich bei der Caritas Leipzig ehrenamtlich zu engagieren – wenn Sie daran Interesse haben, nehmen Sie gerne Kontakt zu uns auf.

 

Die Bahnhofsmission

Ich bin Carlo Arena, ein gebürtiger Römer, und seit Januar 2003 arbeite ich bei der Ökumenischen Bahnhofsmission. „Nächstenliebe gibt es in der Bibel und am Bahnhof.“ Dieses Motto liegt mir im Blut und entspricht vollkommen meinen Vorstellungen von der Arbeit der Leipziger Bahnhofsmission, in einer Stadt, wo etwa 80 Prozent der Einwohner fern von kirchlicher Bindung sind. Unser Name mag wie aus der Zeit gefallen klingen. Unser Angebot ist es nicht. Denn Bahnhöfe sind heute nicht nur Mobilitätsknoten, sondern auch Treffpunkte für „Heimatlose" und „Reisende" aller Art, Frauen und Männer, die in unserer Gesellschaft keinen Platz finden. Offen für alle, leicht erreichbar und ohne Termin nutzbar, sind wir für viele ein erster Anker und ein vertrauensvoller Ansprechpartner.

Seit Jahren steigt die Zahl Hilfesuchender mit multiplen sozialen Problemen, oft wohnungslos oder in prekären Lebensverhältnissen, viele mit gesundheitlichen Einschränkungen, psychischen Handicaps oder Suchterkrankungen. Diese Menschen machen im Durchschnitt inzwischen die Hälfte unserer Gäste aus. Wir bieten Hilfe und Schutz. Wir haben offene Türen und Ohren. Für ihre Weitervermittlung suchen die meist ehrenamtlichen Mitarbeiter die passenden Angebote und Kapazitäten. Dies gilt besonders für Menschen ohne Leistungsansprüche. Dazu kommt, dass viele das Hilfesystem bereits mehrfach durchlaufen haben. Oft reicht eine Tasse Kaffee oder Tee und ein freundliches Wort. Manchmal aber sind die Notlagen komplex. Die Organisierung passender Hilfe dauert Stunden, manchmal sogar Tage. Ich frage mich ständig wie diese Menschen einen würdigen Platz in unserer Gesellschaft erhalten können.

Die andere Hälfte unserer Arbeit liegt in der Betreuung mobilitätseingeschränkter Personen. Unsere Ehrenamtlichen sagen: Sie arbeiten „oben“, direkt am Bahnsteig. Das bedeutet: wir unterstützen vor allem Reisende mit Handicap oder ältere Menschen beim Ein- Aus- und Umsteigen. Auch die Betreuung allein reisender Kinder im Rahmen des Serviceangebots „Kids on Tour“ wird immer häufiger genutzt. Und schließlich bieten wir eine mobile Reisebegleitung im Regionalverkehr an, zum Beispiel für verwirrte Ältere oder allein reisende Kinder.

Vielleicht fragen Sie sich an dieser Stelle was die Ehrenamtlichen bei uns antreibt.

Nun, ob Bürokauffrau oder Lehrerin, Meteorologe oder Pfarrer im Ruhestand: Sie alle engagieren sich aus Überzeugung. Und mit einer Begeisterung, die ansteckt.

Ihre Motive sind vielfältig: Sie möchten Menschen in Not helfen, sich für andere einsetzen. Doch die meisten Ehrenamtlichen tun das auch für sich selbst: Viele Rentnerinnen und Rentner sagten spontan, Sie würden gerne gebraucht. Berufstätige nutzen die Chance, ihre Fremdsprachenkenntnisse zu nutzen. Ältere wollen beweglich bleiben, Jüngere eine Alternative zum Berufsalltag schaffen. Sie alle schätzen ihren Bahnhof als Ort der Begegnung und ihre Bahnhofsmission als Ort der Freude, aber auch der Hilfe und des Schutzes. Genau wie vor 105 Jahren.

Zum Schluss möchte ich Ihnen die Aussage eines Mitarbeiters mit auf den Weg geben, der seinen Job in der Wirtschaft zugunsten der Bahnhofsmission aufgab.

Er sagte: „Fünfzehn Jahre lang bin ich zum Zug gehetzt und habe gar nicht gesehen, wie viele Menschen Hilfe brauchen. Seit ich hier arbeite, habe ich das Gefühl zu leben.“ Seine Bitte an uns ist so einfach wie bestechend: „Gehen Sie mit offenen Augen durch den Bahnhof“.

 

Kinder- Jugend- und Familienzentrum Leipzig - Grünau

Ich bin Sr. Arlette Reichel und gehöre zur Ordensgemeinschaft der MC.

Seit knapp drei Jahren arbeite ich im Kinder-, Jugend- und Familienzentrum der Caritas, in Grünau-Mitte. Dies ist einer von vielen Aufgabenbereichen der Caritas.

Unsere Einrichtung ist offen für alle Menschen. Es gibt verschiedene Bereiche, in denen Menschen Hilfe und Unterstützung suchen oder einfach ihre Freizeit verbringen und sich mit andren treffen.

Dazu gehören das offene Kinderhaus – ein Freizeittreff für Kinder und Jugendliche, mit Bauspielplatz, dem Projekt: Kinder kochen für Kinder, wo täglich ein Kochteam eine Mahlzeit für ca. 30-40 Kinder zubereitet und andere Aktivitäten. Die meisten Kinder, die zu uns kommen, besuchen die Förderschule oder die Schule für Erziehungshilfe. Hin und wieder führen wir Gespräche mit Kindern oder auch Eltern über ihre verschiedenen Probleme. Manche vermitteln wir auch in die Erziehungsberatungsstelle, die ebenfalls zum Familienzentrum gehört.

Weiter gibt es das Familienlokal, mit niederschwelligen Angeboten wie das tägliche Mittagessen,   das Familienkompetenztraining, wo Eltern Unterstützung in der Erziehung ihrer Kinder bekommen, Tipps für die Haushaltsführung und zur gesunden Ernährung und der Deutschkurs für Erwachsene, den ich 2x wöchentlich anbiete. Er wird sehr gut angenommen. Ein Grund dafür ist, dass es eine Kinderbetreuung gibt, was viele Frauen schätzen. Momentan kommen ca.7-11 Personen aus 5 Nationen und 8 Kinder. Seit Sommer unterstützt mich eine Frau aus Syrien, so dass wir die Gruppe teilen können.

Dieser Teil meiner Arbeit bereitet mir viel Freude. Es ist schön zu erleben, wenn die ersten Fortschritte sichtbar werden oder wenn sie sich untereinander helfen. Im Herbst 2016 war ein ca. 50 jähriger Mann aus Kurdistan bei mir im Kurs, der nie eine Schule besucht hatte. Er lernte die Buchstaben und in den Herbstferien kam er täglich und schaffte es, innerhalb einer Woche die ersten Worte zu lesen und zu schreiben. Inzwischen besucht er einen zertifizierten Deutschkurs.

Da ich nicht einen bestimmten Lehrplan abarbeiten muss, kann ich individuell auf das unterschiedliche Niveau der Einzelnen eingehen. Dazu ein Beispiel: Eine syrische Frau hatte die Aufgabe nicht verstanden. Als ich es ihr nochmals erklärte, stand sie plötzlich auf, fiel mir um den Hals und sagte: „Danke!“

Menschen die zu uns kommen brauchen Wertschätzung und Ermutigung. Ziel unserer Arbeit ist es, sie zu unterstützen, ihre Stärken und Fähigkeiten zu entdecken, zu entwickeln und zu fördern.

Wir wünschen uns, dass Menschen aus verschiedenen Kulturen und Nationen einander kennen – und verstehen lernen. Die Familientage, die wir 3-4x im Jahr anbieten sind eine Möglichkeit. Auch das Café lädt dazu ein.

Um einzelne Angebote besser abdecken zu können, bräuchten wir mehr ehrenamtliche Unterstützung im Familienlokal, vor allem im Café und bei der Kinderbetreuung während des Deutschkurses. Wer dazu Lust und Zeit hat, kann sich gerne an mich wenden.

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