„Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ (Antoine de Saint-Exupery)

15. April 2018, 1 Joh.2.1-5; Lk.24.35-48.

Am letzten Sonntag hat der Evangelist Johannes die Thomaserzählung mit dem Deutesatz zusammengefasst: „Selig, die nicht sehen, und doch glauben.“ Lukas schließt seinen Bericht über den Ostertag mit dem geradezu rührenden Bemühen Jesu ab, den Jüngern verständlich zu machen, dass er kein unkörperliches Geistwesen sei, wie die zeitgenössische Esoterik mitunter die Auferstehung interpretierte, sondern weiterhin Mensch mit Fleisch und Blut, freilich in neuer Existenzweise.

Wieder ein Widerspruch in der Bibel? Ich würde da nicht von Widerspruch sprechen, sondern davon, dass sich die Bibel bemüht, die unfassliche Wirklichkeit Gottes, die sich gerade in der Auferstehung Christi zeigt, in polaren Bildern und Worten auszudrücken.

Lukas zeigt uns Jesus als den, der dem Bedürfnis seiner Jünger, ihn sinnenmäßig, empirisch, zu erfassen, soweit, wie möglich, entgegenkommt. Auch bei Johannes sagt Jesus zu Thomas zunächst: „Komm her, Thomas, lege deinen Finger in die Male meiner Hände und deine Hand in meine offene Seite.“ Dann aber fügt er hinzu: “Sei nicht mehr ungläubig, sondern gläubig.“ Und das ist viel mehr, als sich der einfachen Wahrnehmung nicht zu verweigern, dass der hingerichtete Jesus lebendig vor ihm steht. Das ist mehr, als nur die Mahnung an Menschen der späteren Generationen nach Jesus, dass sie damit leben müssen, dass sie nicht mehr die unmittelbaren Zeugen des historischen Ereignisses sein können, das Jesus war. Es ist darüber hinaus und wesentlich der Hinweis darauf, dass der Glauben an die Auferstehung Jesu und an unsere Auferstehung eine Sache des gläubigen Herzens ist, das sich dieser Botschaft öffnet und die Erfahrung zulässt, dass diese Botschaft auch die späteren Generationen berühren und zum vollen Leben ermutigen kann. Der Glauben als Herzenssache gilt schon für die Zeitgenossen Jesu, noch mehr aber für die späteren Generationen.

Die Betonung der Leibhaftigkeit der Auferstehung hat bei Lukas auch noch ein anderes Ziel: Es gab in der griechischen Kultur spätestens seit Platon, zur Zeit des Lukas aber vor allem in der Esoterik eine starke leibverachtende Strömung, die den Menschen nur als geistiges Wesen sah, das vorübergehend in einen Leib verbannt sei. Auch in der Christenheit gab und gibt es immer wieder solche Tendenzen. Schon die Schöpfungsgeschichte lehrt uns: Wir Menschen sind leibgeistige Wesen und so, wie wir geschaffen sind, sind wir ok. Und Lukas sagt uns in dieser Stelle: Auferstehung heißt, dass der ganze Mensch, nicht nur seine Seele, in Gottes uneingeschränktem Leben ist, auch wenn wir dafür jetzt noch keine klare Vorstellung haben.

Dass wir als Grundlage für unseren Glauben eine konkrete Erfahrung und nicht nur eine nüchterne Botschaft suchen, das ist ganz normal. Sagen kann man viel und ob es stimmt, weiß man dann immer noch nicht. In meinem Herzen, in meinem Inneren muss ich spüren können, dass die Botschaft nicht nur ganz vernünftig ist; vielmehr muss das Herz Feuer fangen, brennen, wie es in der Emmauserzählung heißt, sonst sehen die Augen nichts. Ich erinnere: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ sagt St.-Exupery. Dass Jesus Maria von Magdala oder Thomas beim Namen ruft und dass sie sich rufen lassen, das ist entscheidend dafür, dass bei ihnen Ostern wird. Und wenn bei uns nichts oder

 noch nichts brennt, dann können wir uns zumindest fragen: Womit kann ich besser, angstfreier leben: mit der Überzeugung, dass mit dem Tod alles aus ist und jede Hoffnung stirbt, oder damit, dass vor allem die Liebe und die Sehnsucht nach Leben im Tod nicht total frustriert werden? Was setzt mehr Leben und Zuversicht in mir frei? Auch das ist ein Hinweis auf Erfahrung und nicht nur auf eine nüchterne Botschaft oder Theorie.

In der Lesung aus dem ersten Johannesbrief, die wir eben gehört haben, kommt noch eine weitere Erfahrung hinzu, an der wir ermessen können, ob unser Herz an die Erlösung und Auferstehung durch Christus glaubt. Es heißt da: „Wenn wir die Gebote Gottes halten, dann wird uns bewusst, dass wir an ihn glauben.“ Es ist da von den Geboten die Rede, die nach Jesu Wort in dem einen zusammengefasst sind: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wer liebt, ist im Lebensfluss Gottes und er lebt aus ihm. Wer von Herzen an die Auferstehung glaubt, kann lieben und vergeben, denn er muss keine Angst haben, wenn er im Leben zu kurz zu kommen scheint. Wer liebt und verzeiht, hat nicht nur jetzt schon das reichere Leben, sondern all sein Glück ist in Gott gewiss. Der Liebende ist doch hier im Leben schon – bei aller evtl. materiellen Armut – der Glücklichere, als der, der die Bitterkeit im Herzen pflegt und vor Geiz und Hass nicht mehr richtig atmen kann. Im Tod aber wird auch aller äußerer Schmerz und äußere Schande von ihm genommen. Wenn wir lieben, teilen und vergeben, dann kann uns unser Herz sagen, dass wir aus der Hoffnung und aus Gottes Werten leben – auch wenn wir diesen Grund unseres Handelns noch nicht so wahrnehmen und benennen können. Zugleich ist für alle, die unseren Glauben nicht teilen, das entscheidende Glaubenszeugnis unsere Liebe, die sich in der Kraft zum Frieden und zur Gerechtigkeit ebenso zeigt, wie im Trösten und Heilen.

In den Evangelien und in der Apostelgeschichte ist im Zusammenhang mit der Verkündigung der Auferstehung auch immer wieder die Rede von Busse und Umkehr. Da ist nicht zuerst Traurigkeit und Kopf hängen lassen gemeint, sondern kraftvoller, freudiger Aufbruch; Abkehr von Scheinwerten und zerstörerischen Versprechungen, von den Dingen, die uns beherrschen, die wir aber nicht festhalten können. Es ist ein Aufbruch zu einem erfüllten Leben mit einander und für einander. Natürlich ist das bisweilen auch mühselig, eben ein steiler Weg, ein Kreuzweg, wie Jesus sagt. Aber achten wir zuerst darauf, dass es der Weg des Lebens ist, jetzt und über dieses zeitliche Leben hinaus, denn die Liebe ist stärker als der Tod.

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