Gott ist die Liebe

6. Mai 2018, 1Joh.4.7-10; Joh.15.9-17

Es ist sicher nicht einfach zu glauben, dass Gott die Liebe ist. Wenn wir vor großen persönlichen Katastrophen oder vor den Menschheitskatastrophen wie Krieg und Hunger stehen, dann fragt man sich natürlich, was das heißt:Gott ist die Liebe. Wir verstehen jedenfalls unter Liebe erst einmal was anderes.


Wir müssen uns aber immer wieder daran erinnern, dass Gottes Liebe nicht darin besteht, dass er unsere Erwartungen erfüllt. Seine Liebe zeigt sich, wie die Lesung sagt, darin, dass Gott seinen Sohn gesandt hat, um die Welt zu erlösen. Er lässt uns unsere Freiheit und ihre Folgen und er geht in die Welt, so, wie sie durch uns geworden ist, hinein. Er leidet an dieser Welt mit uns und zeigt uns einen Weg, wie wir in dieserreal existierendenWelt menschlich leben können, d.h. in Liebe zueinander.

Er tut das, indem er sich ganz und schutzlos auf die Welt einlässt. Solche Liebe Gottes ist für uns natürlich gefährlich und schwierig. Wir sollen ja einander so lieben, wie er uns geliebt hat. Offen zu sein, ohne Fassade oder Panzerung einander gegenüberzutreten, das ist bei der Gefährlichkeit der Menschen schon sehr viel verlangt. Jesus hat das am eigenen Leib erlebt und doch gibt er uns das als einzigen Weg zu einem menschlichen und erfüllten Leben.

Da sagen wir schon zum Teil - ausdrücklich oder durch unser Verhalten - : Das ist mir zu steil. In der Lesung heißt es aber: Wir müssen die Nachfolge Jesu nicht als eigene Leistung bringen. Die Liebe besteht nicht darin, dass wir zuerst lieben. Gott hat uns zuerst geliebt. Er lässt uns Liebe als Geschenk erfahren, damit wir erst einmal spüren, wie schön und wertvoll sie ist und damit es dann leicht oder leichter fällt, diese Liebe weiterzugeben. Wir wissen ja: Menschen, die Liebe erfahren haben, können wieder lieben. Solche Liebe und solches Leben ist aus Gott.


Wo aber erfahren wir Gottes Liebe so, dass wir davon satt werden und leicht weitergeben können? Ich wünsche uns allen, dass wir die Liebe Gottes durch die Liebe der Eltern oder auch anderer Menschen so reichlich und unverfälscht erfahren haben, dass wir davon überströmen und weitergeben können. Oft aber ist diese Erfahrung vom Beginn des Lebens an eingeschränkt. Auch Eltern sind nur fehlbare, verletzte und meist auch in ihrer Liebeskraft und Selbstlosigkeit eingeschränkte Menschen. Oft auch verhindern äußere Umstände die uneingeschränkte Erfahrung von Liebe. Das kann Krankheit sein oder Krieg oder Not oder sonst etwas.

Was dann? Ich glaube zwar, dass es immer wieder sinnvoll und notwendig ist, bei unseren Mitmenschen Liebe zu suchen und ihnen Selbstlosigkeit zuzutrauen. Weil die aber auch alle begrenzt und manchmal ganz schön kaputt sind, wird das nicht genügen. Wir müssen die Erfahrung von Gottes Liebe auch unmittelbar suchen. Wir können uns immer wieder aufmachen, ganz aufmerksam auf unser Leben zu achten und wir werden entdecken, dass es bei aller Härte doch ein Geschenk ist.An die Liebe Gottes glaubenheißt für mich, offen zu sein für die Botschaft und Zuwendung Gottes, die auch in dieser gebrochenen Welt immer wieder zu vernehmen ist. Um diese Offenheit für Gott und die Menschen erfahrbar zu machen, dazu ist Jesus gekommen.


Wenn wir nun aufhören, Gottes Liebe nur in ungetrübter Freude und reinem Wohlbefinden zu suchen; wenn wir offen werden für Gottes Liebe, die auch in der Rauheit des Lebens zu finden ist, dann werden wir entdecken, dass es  uns allen möglich ist, Liebe zu schenken. Dann müssen wir uns nicht weiter nur um unser verletztes und enttäuschtes Ich sorgen; dann können wir uns dem Leben und den Menschen überlassen und entdecken, welches Glück darin liegt, loszulassen und uns hinzugeben - auch wenn wir dabei von Zeit zu Zeit verletzt und enttäuscht werden.

Ich spreche nun nicht dafür, dass wir alle Vorsichtsmaßnahmen und kluge Abgrenzung beiseite lassen. Es geht nicht um Selbstausbeutung, sondern um das Glück der Großzügigkeit. Wenn wir das aus eigener Kraft schaffen wollen, wird es unendlich schwer; wenn wir darauf schauen, wo und wie uns diese Liebeskraft von Gott geschenkt wird und im Leben auch entgegenkommt, dann wird es möglich.

In der Lesung heißt es auch: Wer liebt, der erkennt Gott. Es geht um die Liebe, die den Anderen annimmt, wie er ist, die verzeiht auch mit verletztem Herzen. Wer das wagt, der spürt eine göttliche Kraft in sich, auch wenn er nicht weiß, dass hier Gott in ihm wirkt.

Liebe im Sinne Jesu ist also nicht zuerst ein romantisches Gefühl, ein aneinander Hängen und einander Brauchen, sondern selbstloses Handeln mit- und füreinander. Dann wird meine Freude in euch sein, sagt Jesus,  dann entdeckt ihr die Lust zu leben, die dauerhaft und krisenfest ist.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie das Risiko, Gottes Liebe zu suchen und weiterzugeben, eingehen können und dabei fündig werden. Seine Freude wird in uns sein.


 

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