Komm herab, du Tröster Geist!

20. Mai 2018, Pfingsten, Apg.2.1-11; Joh. 14.15-19 + 25-27.

In der Sequenz, die wir eben gesungen haben, wird der Heilige Geist mehrfach als Tröster und Trostspender angerufen, als Trost in Trauer und Verlassenheit. In der Predigt zu Christi Himmelfahrt habe ich den Geist Gottes als Tröster nur in einem Nebensatz erwähnt. Und gerade darauf hat mich dann eine Frau angesprochen: Das sei ihr besonders wichtig gewesen, um zu ihrer Trauer stehen zu können und um Trost zu finden. Das brachte mich auf die Idee nach vielen anderen Pfingstpredigten dieses Jahr über den Tröster Geist zu predigen. Alle, mit denen ich darüber gesprochen habe, haben mich darin bestärkt. Das erinnerte mich daran, dass es in unserer Überflussgesellschaft viel Trostlosigkeit und Verlassenheit gibt. Für alle davon Betroffenen – sei es persönlich oder bei Freunden und Verwandten -  möchte ich über den Geist Gottes, der tröstet, sprechen, auch wenn sich dann andere nicht betroffen fühlen.

In der Bergpredigt – das kennen Sie – werden gleich zu Beginn die Trauernden seliggepriesen, „denn sie werden getröstet werden“. Damit sind nicht die Jammerlappen und Heulsusen gemeint, sondern die, die das Unrecht der Welt wahrnehmen und darunter leiden, und alle, die verletzt sind an Leib und Seele und die gerade in ihrer schmerzlichen Situation besonders offen sind für Gott und seine Erlösung. „Sie werden getröstet werden.“

Dass Gott uns tröstet, wie Jesus die Witwe von Naim, den Zöllner Zachäus und die Sünderin getröstet hat – um nur die bekannteren Bespiele zu nennen - das ist eine zentrale Botschaft der Bibel. Schon den Propheten Jesaia lässt Gott verkünden: „Tröstet, tröstet mein Volk! Seine Knechtschaft ist beendet.“ In der Tradition der Christenheit spielt es auch eine große Rolle, dass wir die Nähe Gottes darin erfahren – vermittelt durch Menschen oder im stillen Gebet – dass unser verletzter oder entmutigter Geist aufgerichtet und gestärkt wird. Ignatius von Loyola lehrt uns, dass das Wirken des guten und des schlechten Geistes in uns sich gerade dadurch unterscheiden, dass der gute Geist uns innerlich zur Ruhe und Festigkeit bringt, der böse aber beunruhigt und niederdrückt.

 

 

Verweilen wir noch einen Augenblick bei der Frage, wie Gott uns tröstet und wie wir seines Trostes innewerden. Die Aufmerksamkeit auf die Unsicherheit in der Übersetzung der einschlägigen Bibelstellen kann da weiterhelfen. Luther und andere ältere Übersetzungen der Stelle aus den Abschiedsreden, die wir zum Teil als Evangelium gehört haben, übersetzen hier das Wort Jesu so: Ich werde euch einen anderen Tröster senden, den Geist der Wahrheit usw. Die neue Einheitsübersetzung und das Messbuch bringen an der Stelle: Ich werde euch einen anderen Beistand oder Helfer senden usw. Das griechische Wort bedeutet nun beides: Es wird im Sinne von Anwalt und Helfer ebenso gebraucht, wie im Sinne von Tröster. Ich sehe darin einen Hinweis, dass rechtes Trösten nicht zuerst beschwichtigendes Zureden oder gar auf den Anderen Einreden ist, sondern Hilfe, vor allem Hilfe zur Selbsthilfe, Zuhören und Einstehen für einander. Dasein in Zeiten von Kummer und Not, da sein, auch wenn ich nichts machen kann, da sein und zuhören, zu verstehen versuchen und klären helfen, auch einfühlsam ermahnen, das ist eher der Weg, wie Jesus tröstet. Wege eröffnen, das hilft, nicht das Mitjammern oder gar Mitschimpfen.

So können wir in unserem Herzen Gottes Trost ebenso erfahren, indem wir einen Irrweg erkennen und Möglichkeiten der Korrektur, wie im aufkeimenden Vertrauen, dass Gott mit mir leidet, dass er mich liebt und dass ich vielleicht schon hier im Leben, auf jedem Fall aber im Tod einen Ausweg und Erlösung finde.

„Ich werde euch einen anderen Beistand, einen anderen Tröster senden den Geist der Wahrheit,“ sagt Jesus in den Abschiedsreden, „und  der wird euch in alle Wahrheit einführen.“ Ich rechne damit, dass das schmerzliche und befreiende Wahrheit sein kann und beides zugleich. Jedenfalls wird es eine sein, die ermutigt und befreit.

Der „Heilige Geist“ das ist Gott in uns und mit uns und in dieser Welt, vor allem in der Gemeinschaft der Glaubenden, der Kirche. Vor diesem Gott müssen wir nicht immer stark sein. Wir können vor ihm auch trauern und protestieren wie Job. Das ist allemal besser, als Verdrängung. Verdrängtes frisst sich fest und verbittert.  Er wird uns trösten und auf dem rechten Weg leiten, wenn wir uns trösten und leiten lassen, wenn wir uns nicht in unsere Trauer und unsere Irrwege verbeißen. Dann werden wir hören: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“

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