Würden wir ihn verstehen, wäre er nicht Gott.

27. Mai 2018, Dreifaltigkeit

Ja, wir sind getauft im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wenn Sie nach der Tauffeier Ihres Kindes oder Enkels ein bekenntnisloses Mitglied der Familie fragt, was das heißt, oder wenn die ältere Schwester oder Cousine des Täuflings fragt – Kinder können ja so herrlich fragen – „Was heißt denn das?“, was werden Sie dann antworten, so antworten, dass sie das selbst überzeugt?

Ich hoffe, dass Sie dann nicht den Versuch machen, unseren Glauben so zu erklären, dass keine Frage mehr offen bleibt. Ich hoffe, dass Sie dann keine Kirchenformel benutzen, die Ihnen selbst nichts sagt. Ich hoffe, dass Sie dann daran denken, dass es hier um das zentrale Geheimnis unseres Glaubens geht, wirklich um ein Geheimnis, um etwas Unergründbares; viel grundlegender als bei der Frage nach den Wundern Jesu oder erst recht nach den Engeln oder Marienerscheinungen. Erst recht geht es nicht um eine Formel, die wir einsetzen, wenn wir uns die Mühe des Denkens oder der Forschung nicht machen wollen, wie etwa bei der Frage nach der Entstehung der Welt. Hier geht es um das Geheimnis, das ähnlich aber noch unergründlicher ist als unsere eigene Seele oder die Liebe zwischen zwei Menschen, wenn es wirklich Liebe ist und nicht nur eine hormonelle Bewegung. Hier stehen wir vor Gott, von dem schon Augustinus sagt: Alles was wir begreifen können, sei nicht Gott, und von dem das 4. Laterankonzil sagt: Alles was wir von Gott sagen können, sei ihm unähnlicher als ähnlich. Wir stehen vor Gott, den unser kleiner Verstand nicht fassen kann.

Ein „unauslotbares Geheimnis“ bedeutet aber nicht, dass wir uns ihm nicht nähern könnten in Bildern und Ähnlichkeiten aus der Mitte unseres eigenen Lebens, wie ich es mit ‚Liebe‘ und unserer eigenen ‚Seele‘ angedeutet habe. Solche Annäherung geschieht wohl am ehesten, wenn wir sie nicht durch rein verstandesmäßiges Nachdenken versuchen, sondern durch das Achten auf die Grunderfahrungen unseres Lebens:

·        Wir suchen, wenn wir diese Fähigkeit in uns nicht verschüttet haben, nach mehr, als nur nach dieser endlichen Welt, als nach diesem vergänglichen Leben. Wir suchen eine letzte Wahrheit, Geborgenheit und Gerechtigkeit: Wir suchen die Liebe Gottes, in der wir Gott den Unendlichen, den Vollkommenen aber auch den Vater nennen.

·        Wir suchen aber Gott auch in uns, in der Tiefe unserer Seele. Wir hoffen, dass wir in uns letztendlich nicht ein schwarzes Loch der Sinnlosigkeit finden, sondern wiederum Geborgenheit, Lebenssinn und Licht. Von Anfang an nennen das die Christen den ‚Heiligen Geist‘, der in uns die Überzeugung weckt und wach hält, dass wir Kinder Gottes sind, wie das Paulus ausdrückt.

·        Und wenn wir das Grundbedürfnis von uns Menschen, das Suchen nach menschlicher Gemeinschaft und Liebe nicht erwürgt oder verloren haben, dann kennen wir auch diese Grunddimension unseres Daseins: Dass Sinn und Kraft unseres Lebens aus dem miteinander Leben kommt und dass uns im Anderen wieder Gott begegnet, dass Gott zwischen uns zum Ereignis wird, wie Jesus gesagt hat: „Wenn zwei oder drei in meinem Namen, d.h. in der Liebe, versammelt sind, dann bin ich mitten unter ihnen.“ Und wenn uns Gott schon im Mitmenschen begegnet, dann erst in dem Menschen, der ganz aus Gott gelebt hat, in Jesus Christus.

In den Grunddimensionen unseres Daseins, in der Suche nach Geborgenheit im Unendlichen, in der Verankerung im Grund unserer Seele und im Lebenssinn in liebender Gemeinschaft spiegelt sich, wie mir scheint die Dreidimensionalität Gottes. Wenn wir dieses Sehnen unserer Seele nicht vernachlässigen oder abwürgen durch Oberflächlichkeit, dann wird uns die Botschaft von einem dreifaltigen Gott immer eingängiger. Sie geht uns dann nicht auf, wie eine glatte Rechnung, aber es kann uns dämmern und immer klarer werden, dass diese Botschaft dem Verlangen unseres Herzens entspricht.

Wir sind getauft im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir bauen in der Gemeinschaft der Kirche darauf, dass der unendliche Gott unser gütiger und zugleich unfassbarer Vater ist, dass er in uns wohnt und dass er unter uns lebt und auch in der Geschichte begegnet ist. Ich kann mir auch Kinder vorstellen, die spüren, dass da was dran ist, wenn ich ihnen sage, dass wir darauf vertrauen, dass Gott im Himmel uns liebt, dass er in uns wohnt und dass er uns in Jesus begegnet ist und im Mitmenschen immer wieder begegnen will. Ihnen allen wünsche ich, dass Sie Ihr Menschsein in all Ihren Tiefen und Weiten leben und dabei immer wieder Gott entdecken, den Dreifaltigen, der über uns ist und in uns und unter uns.

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