Unser gespaltenes Herz

02. September 2018, B 22 2018; Röm.7.14-25; Mk. 7. 1-23.

Dieses Evangelium hat zumindest zwei Themen:

1) Die Befreiung von sinnlosen und unterdrückerischen Vorschriften

2) Das menschliche Herz als Quelle allen Übels

Über das erste Thema habe ich schon hinreichend oft gepredigt, denn es kommt in den Evangelien immer wieder vor, vor allem in dem Zusammenhang des rechten Verständnisses des Sabatgebotes. Der Kernsatz lautet da: “Der  Sabat ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für den Sabat.“ Ich glaube, dass auch für viele von uns wichtig ist, dass wir gegenüber dem Staat und der Kirche und auch gegenüber Traditionen immer wieder die Freiheit des Christenmenschen verteidigen dürfen und müssen. Immer wieder dürfen wir fragen, ob Vorschriften und Auslegungen des  göttlichen Gesetzes wirklich dem Menschen dienen oder ob sie unsinniges oder zeitgebundenes Menschenwerk sind; Gesetze, die die Freiheit unsinnig einengen und oft nur dazu dienen Herrschaftsverhältnisse zu zementieren. Freilich haben Kirche und Staat das Recht in ihrem Zuständigkeitsbereich Regeln zu erlassen. Auch haben manche Traditionen ihren guten Sinn. Sie müssen sich aber auch immer fragen lassen, wofür sie gut sind. Und immer bleibt die Entscheidung des Gewissens frei, wenn eine Vorschrift hier und jetzt nicht zu passen oder gar zu schaden scheint.

So viel zur Erinnerung. Vornehmlich will ich mich heute dem Jesuswort zuwenden: „Aus dem Herzen des Menschen kommt alles Übel.“ Klingt ganz schön hart. Ich glaube aber nicht, dass Jesus sagen will, dass aus dem Herzen des Menschen nur Übles kommt. Wohl aber ist seine Lehre: Es kommt nicht so sehr auf Äußerlichkeiten an, sondern auf die innere Einstellung des Menschen, es kommt nicht so sehr darauf an, dass die Hände vor dem Essen gewaschen werden, wenngleich auch das sinnvoll ist. Vielmehr ist es wichtig, dass wir mit reinem Herzen essen, das heißt etwa: ohne Streit, nicht auf Kosten anderer, in der Bereitschaft zu teilen. Es kommt nicht nur darauf an, keinen Ehebruch zu begehen, sondern – wie es in der Bergpredigt heißt – im Herzen die Ehe nicht zu brechen, also Zeit für einander zu haben, Konflikte sauber zu klären und nicht mit jedem erotischen Feuer zu spielen.

Es geht aber im heutigen Evangelium, so will mir scheinen, noch um mehr. Paulus beschreibt das, wie wir in der Lesung gehört haben, so: „Wir tun nicht das Gute, das wir tun wollen, sondern das Böse, das wir nicht wollen.“ Das ist freilich etwas pauschal, aber ich glaube, dass Paulus sehr gut beschreibt, was wir auch an uns immer wieder erleben: Wir nehmen uns etwas vor, was wir für gut halten, und tun es dann doch nicht: Wir wollen endlich eine Arbeit erledigen und sie bleibt wieder liegen; wir wollen ein Versöhnungsgespräch führen und dann endet doch alles wieder im Streit; wir müssten eigentlich abnehmen und wollen es auch und wir nehmen zu. Usw. Manchmal sagen wir, wenn etwas Schlimmes passiert ist: „Das habe ich doch nicht gewollt.“ Ja, unser Herz ist vielfach zwiegespalten. Paulus sagt: „Wir bringen es zwar fertig, uns das Gute vorzunehmen; aber wir sind zu schwach, es auszuführen.“ Die Kirche umschreibt das auch mit Erbsünde. Wir sind nicht vom Himmel gefallen sondern Menschen, die in eine irdische Familie und Gesellschaft hineingeboren sind, in eine bei aller Liebe immer auch mit Fehlern und Schwächen behaftete Familie und Gesellschaft. Und das fügt uns auch Verletzungen zu und hinterlässt Ängste. Je früher im Leben uns solche Verletzungen treffen, desto tiefere Spuren hinterlassen sie, auch dann, wenn an solchen Verletzungen niemand so richtig schuld ist, z.B. bei einer frühkindlichen Erkrankung mit all ihren Nöten oder bei Fehlern von Eltern und Verwandten, die denen in ihrer Tragweite nicht bewusst waren. Da bleiben in uns Ängste, wir kämen zu kurz. Da bleiben tief sitzende Aggressionen. Da schleppen wir unter Umständen Geschwisterneid oder nicht aufgearbeitete Autoritätsprobleme unser ganzes Leben mit uns herum und tragen sie unverarbeitet als Reaktionsmuster in neue Situationen hinein und weder wir selbst noch unser Gegenüber weiß, warum da wieder was schief läuft. Wie viele Ehen scheitern, weil die Beziehung zu den eigenen Eltern nicht hinreichend aufgearbeitet sind; und dann soll der Partner ausgleichen, was die Eltern versäumt haben. Das aber geht nicht!

Oft sind uns diese geheimen Festlegungen und Verformungen in unserer Seele nicht bewusst. Je weniger wir um sie wissen, je weniger wir sie uns eingestehen, desto mehr beherrschen sie uns. Im Markusevangelium (cap.9) sagt ein Bittsteller zu Jesus: „Herr ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Ja, beides kann gleichzeitig in uns sein, Glaube und noch tiefer sitzender Unglauben, Mistrauen, wie das oft aus einem verletzten Urvertrauen hervorkommt. Jesus nimmt den Mann so an, wie er sich darstellt, und hilft ihm.

Wir sollten uns, meine ich, nie einbilden, wir würden Gott oder auch einen Menschen aus ganzem Herzen lieben oder ihm glauben. Da ist immer auch noch Zweifel, Egoismus oder Mistrauen und noch Schlimmeres. Wenn wir damit rechnen, haben wir eine Chance damit umzugehen. Wenn wir es vor Gott, evtl. auch vor einander aussprechen, dann können wir geheilt werden, langsam geheilt werden. Und dann kommt auch immer mehr unverdorben Gutes aus unserem Herzen.

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