Mund auf, Ohren auf!

9. September 2018, Jes. 35.4-7a, Jak. 2.1-5, Mk. 7.31-37.

Lassen Sie mich zu Beginn auf eine scheinbare Kleinigkeit dieses Evangeliums hinweisen, die Sie vielleicht nur als geographische Angabe verstanden haben. Am Anfang war da die Rede von Tyrus und Sidon und von der Dekapolis, einem Gebiet von 10 griechischen Kolonialstädten östlich des Jordan. Jesus bewegt sich also in diesem Abschnitt des Markusevangeliums in einem mehrheitlich von Heiden bewohnten Gebiet. Während er mit dem jüdischen Volk immer mehr in Auseinandersetzung gerät, findet er dort eine Aufnahme, die ihn selbst erstaunt und wo auch sehr bald nach Ostern Christengemeinden entstanden sind.   

Für die junge Kirche, in der der Evangelientext entstanden ist, war es wichtig, dass ihr Mut gemacht wird, das gewohnte jüdische Milieu zu verlassen und mit der Botschaft Christi zu den Heiden zu gehen. Das Neue Testament kennt viele Zeugnisse dieses Prozesses.

Die Heilung des Taubstummen wurde dabei immer verstanden als Bild dafür, dass wir uns für Gottes Wort öffnen und es auch verkünden. Daher haben wir das Wort „Effata - tu dich auf!“, heute noch im Taufritus. Und die Kirche sagt dem Täufling dazu: "damit du das Wort Gottes mit offenem Herzen vernehmen und ohne Furcht verkünden kannst."

Für uns sagt das schon im ersten Hinsehen zweierlei: - Wir müssen uns als Christen hüten, nicht in den gleichen Fehler zu verfallen wie damals das jüdische Volk: Wir dürfen nicht meinen, wir wüssten doch ziemlich gut, wer und wie Gott sei und was er wolle. Wir müssen offen bleiben für Gottes immer neuen Anruf, damit wir nicht erstarren. Seine Liebe ist für alle offen und in der Ausgrenzung von Menschengruppen und im Erstarren machen wir unsere Glaubenstradition unglaubwürdig.

Umgekehrt sagt uns diese Stelle, dass wir als Kirche immer wieder jung werden können, wenn wir uns wie Jesus denen zuwenden, die unseren Glauben erst mal nicht teilen, aber bewußt oder unbewußt auf Erlösung, Befreiung und Sinngebung für ihr Leben warten. Das ist eine Herausforderung, aber sie ist gesund und macht lebendig: Im Gespräch mit dem vermeintlich Ungläubigen wird unser Glauben hinterfragt und vertieft, und die Glaubwürdigkeit unseres Lebens wird satt herausgefordert. Auch können wir zumindest vom engagierten Suchen und Fragen der Anderen viel lernen, bisweilen auch von ihren Hoffnungen und Überzeugungen. Wir müssen freilich gut zuhören und auch damit rechnen, dass Gott von vorneherein in jedem Menschen am Werk ist. Die Botschaft Christi ist vollkommen, aber sie muss in jeder Zeit neu verstanden werden. Dazu aber können uns die Fragen Anderer helfen. Wir müssen und können uns auf diese Herausforderung einlassen. Der Geist Gottes wird uns dabei leiten, wenn wir  offen für ihn sind.

 

Damit sind wir schon bei dem zweiten Schwerpunkt dieses Evangeliums: Die Heilung von dem Übel des stumm und taub Seins spricht natürlich generell davon, dass Christus uns öffnet für den Kontakt mit Gott und miteinander. Er sagt und zeigt uns, dass Gott uns liebt, dass wir bei ihm geborgen sind. Er lebt uns vor, dass wir uns daher auf das Risiko einlassen können, uns für einander zu öffnen, wie er sich für die Menschen geöffnet hat, auch wenn sie ihm feindselig gegenübertraten. So aber und nur so entsteht neues Leben.                              

Es heißt nicht, wir sollten offen sein wie ein Scheunentor. Etwas Vorsicht darf schon sein, denn unsere Offenheit soll den Anderen nicht überfordern und uns selbst nicht gefährden.

Wir wissen, dass schockartige seelische Verletzungen zum Verstummen der betroffenen Menschen führen können, auch zum teilweisen oder völligen Wahrnehmungsverlust. Weniger dramatisch kommt das immer wieder im Alltag vor, wenn es uns die Stimme verschlägt oder wenn wir verbittert oder ängstlich schweigen; oder wenn wir unangenehme Wahrnehmungen ausblenden, nicht hören und sehen wollen oder vergessen. Jesus sagt uns: Ihr habt natürlich Angst in dieser Welt, aber ihr müßt euch davon nicht beherrschen lassen. Die Liebe Gottes ist größer als alle drohenden Übel. Ihr könnt Offenheit für einander riskieren. Natürlich sollen wir auch hier klug sein und nicht naiv jedem Betrüger vertrauen. Aber nur wenn wir im Rahmen des Möglichen offen sind für einander, kann in unserer Kommunikation etwas Wesentliches passieren und nur dann können wir auch über unseren Glauben und unseren Gott sprechen. Und wenn wir für einander offen sind, dann sind wir auch offen für Gott. Anders nicht.

Offen für Gott. Das werden wir erst sein, wenn wir nicht nur ethische Impulse in unserem Leben aufnehmen und  nicht nur mit dem Verstand damit rechnen, dass es Gott gibt und er uns liebt. Richtig offen für Gott – so, dass wir seine Impulse und seine Leitung in uns vernehmen – sind wir erst, wenn wir uns von Gott im Herzen öffnen lassen, wenn wir genug Platz, Zeit, Ruhe und Aufmerksamkeit in unserem Leben schaffen, dass wir Gottes liebevolle Nähe erfahren können. Wenn wir Jesus bitten, unsere Taubheit und unser Verstummen zu heilen, dann heißt das: „Rühre mein Herz an, damit es bewegt und wach wird, damit ich Dich spüren kann.“  Unser Herz anrühren zu lassen, macht natürlich immer Angst, denn der Weg der Liebe kann steinig werden. Aber die wahre Lust des Lebens finden wir auch erst dann, wenn wir etwas riskieren, wenn nicht nur unser Kopf regiert, sondern auch unser Herz. Erst dann sind wir wirklich von unserer Taubheit geheilt, erst dann gibt es ein wirkliches miteinander Leben, und erst dann können wir glaubwürdig von Gott  sprechen. Beten wir darum, dass Gott uns berührt! Das wird uns immer mehr öffnen für ihn und für einander.

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