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23. September 2018, Rut Auswahl, Mt. 15.21 – 28.

Lesung aus dem Buch Rut

2.1 Es war die Zeit, als das Volk Israel noch von Richtern geführt wurde. Weil im Land eine Hungersnot herrschte, verließ ein Mann aus Betlehem im Gebiet von Juda seine Heimatstadt und suchte mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen Zuflucht im Land Moab.

2 Der Mann hieß Elimelech, die Frau Noomi.  Während sie im Land Moab waren,

3 starb Elimelech und Noomi blieb mit ihren beiden Söhnen allein zurück.

4 Die Söhne heirateten zwei moabitische Frauen, Orpa und Rut. Aber alsbald starben auch sie.  

6-7 Als Noomi erfuhr, dass es in Juda wieder zu essen gab, entschloss sie sich, das Land Moab zu verlassen und nach Juda zurückzukehren. Ihre Schwiegertöchter gingen mit.

8 Unterwegs sagte sie zu den beiden: »Kehrt wieder um! Geht zurück, jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr vergelte euch alles Gute, das ihr an den Verstorbenen und an mir getan habt.

9 Er gebe euch wieder einen Mann und lasse euch ein neues Zuhause finden.« Noomi küsste die beiden zum Abschied. Doch sie weinten.

14  Schließlich gab Orpa ihrer Schwiegermutter doch den Abschiedskuss; aber Rut blieb bei ihr.

15 Noomi redete ihr zu: »Du siehst, deine Schwägerin ist zu ihrem Volk und zu ihrem Gott zurückgegangen. Mach es wie sie, geh ihr nach!«

16 Aber Rut antwortete: »Dränge mich nicht, dich zu verlassen. Ich kehre nicht um, ich lasse dich nicht allein. Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.

17 Wo du stirbst, da will auch ich sterben; dort will ich begraben werden. Nur der Tod kann mich von dir trennen!«

18 Als Noomi sah, dass Rut so fest entschlossen war, gab sie es auf, sie zur Heimkehr zu überreden.

19 So gingen die beiden miteinander bis nach Betlehem. Als sie dort ankamen, sprach es sich sofort in der ganzen Stadt herum und die Frauen riefen: »Ist das nicht Noomi?«

22 Es hatte gerade die Gerstenernte begonnen.

2.2 Eines Tages sagte die Moabiterin Rut zu ihrer Schwiegermutter: »Ich will hinausgehen und Ähren sammeln, die auf dem Feld liegen geblieben sind. Ich finde schon jemand, der freundlich zu mir ist und es mir erlaubt.« »Geh nur, meine Tochter!«, sagte Noomi.

3 Rut kam zu einem Feld und sammelte Ähren hinter den Männern und Frauen her, die dort das Getreide schnitten und die Garben banden und wegtrugen. Es traf sich, dass das Feld zum Besitz von Boas gehörte. Der war ein tüchtiger Mann aus der Sippe der Noomi.

4 Im Lauf des Tages kam Boas selbst aus der Stadt zu seinen Leuten heraus. »Gott sei mit euch!«, begrüßte er sie und sie erwiderten: »Der Herr segne dich!«

5 Boas fragte den Mann, der die Aufsicht über die anderen führte: »Wohin gehört diese junge Frau?«

6 Er antwortete: »Es ist eine Moabiterin, die mit Noomi gekommen ist.

7 Sie hat gefragt, ob sie die Ähren auflesen darf, die unsere Leute liegen lassen. Seit dem frühen Morgen ist sie auf den Beinen, jetzt hat sie zum ersten Mal eine Pause gemacht und sich in den Schatten gesetzt.«

8 Da wandte sich Boas an Rut und sagte: »Hör auf meinen Rat! Geh nicht auf ein anderes Feld, um dort Ähren zu sammeln. Bleib hier und halte dich zu meinen Knechten und Mägden.

9  Ich habe meinen Leuten befohlen, dich nicht anzurühren. Und wenn du Durst hast, geh zu den Krügen und trink von dem Wasser, das meine Leute sich dort schöpfen.«

10 Rut warf sich vor ihm zu Boden und fragte: »Wie kommt es, dass du so freundlich zu mir bist? Ich bin doch eine Fremde.«

11 Boas antwortete: »Ich weiß, was du seit dem Tod deines Mannes für deine Schwiegermutter getan hast; es wurde mir alles erzählt. Du hast deinen Vater und deine Mutter und deine Heimat verlassen und bist mit ihr zu einem Volk gegangen, das du vorher nicht kanntest.

12 Der Herr vergelte dir, was du getan hast, und belohne dich reich dafür – der Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um Schutz zu finden unter seinen Flügeln!«

13 »Du bist so freundlich zu mir!«, erwiderte Rut. »Du hast mich getröstet und mir Mut gemacht, obwohl ich noch viel geringer bin als eine deiner Mägde.«

14 Zur Essenszeit sagte Boas zu Rut: »Komm zu uns, iss von dem Brot und tunke es in die Soße!« So setzte sie sich zu den Knechten und Mägden, und Boas gab ihr so reichlich geröstete Getreidekörner, dass sie sogar noch davon übrig behielt.

17 So sammelte Rut bis zum Abend und klopfte dann ihre Ähren aus. Sie hatte etwa 17 Kilo Gerste zusammengebracht.

18 Sie trug alles in die Stadt und brachte es ihrer Schwiegermutter, und sie gab ihr auch, was von den gerösteten Körnern übrig geblieben war.

19 Noomi fragte sie: »Wo hast du heute Ähren gesammelt? Auf wessen Feld bist du gewesen? Gott segne den, der dir das erlaubt hat!« »Der Mann, auf dessen Feld ich heute war«, antwortete Rut, »hieß Boas. Er hat zu mir gesagt, ich soll mich zu seinen Leuten halten, bis sie die ganze Ernte eingebracht haben.«

22 Noomi sagte: »Es ist gut, meine Tochter, wenn du mit den Leuten von Boas gehst. Auf einem anderen Feld werden sie vielleicht nicht so freundlich zu dir sein.«

23  Als die Ernte vorbei war, blieb sie auch tagsüber bei ihrer Schwiegermutter.

1 Eines Tages sagte Noomi zu Rut: »Meine Tochter, ich möchte, dass du wieder einen Mann und eine Heimat bekommst.

2 Du weißt, dass Boas, mit dessen Leuten du auf dem Feld warst, mit uns verwandt ist. Er arbeitet heute Abend mit der Worfschaufel auf der Tenne, um die Spreu von der Gerste zu trennen.

3 Bade und salbe dich, zieh deine besten Kleider an und geh zur Tenne. Sieh zu, dass er dich nicht bemerkt, bevor er mit Essen und Trinken fertig ist.

4 Pass gut auf, wo er sich hinlegt, und wenn er schläft, lege dich zu seinen Füßen. Er wird dir dann schon sagen, was du tun sollst.«

5 »Ich werde alles so machen, wie du gesagt hast«, antwortete Rut.

6 Dann ging sie zur Tenne und verfuhr genau nach den Anweisungen ihrer Schwiegermutter.

8 Um Mitternacht schrak Boas auf und tastete um sich. Zu seinen Füßen lag – eine Frau.

9 »Wer bist du?«, fragte er und bekam die Antwort: »Ich bin Rut, deine Sklavin! Breite deinen Gewandsaum über mich!«

10 Boas erwiderte: »Der Herr segne dich! Was du jetzt getan hast, zeigt noch mehr als alles bisher, wie treu du zur Familie deiner Schwiegermutter hältst. Du hättest ja auch den jungen Männern nachlaufen können und jeden bekommen, ob arm oder reich.

11 Nun, meine Tochter, sei unbesorgt! Ich werde tun, worum du mich gebeten hast. Jeder in der Stadt weiß, dass du eine tüchtige Frau bist.

13 So nahm Boas Rut zur Frau. Der Herr ließ sie schwanger werden und sie gebar einen Sohn.

14 Da sagten die Frauen zu Noomi: »Der Herr sei gepriesen! Er hat dir heute in diesem Kind einen Nachkommen geschenkt. Möge der Name des Kindes berühmt werden in Israel!

15 Es wird dir neuen Lebensmut geben und wird im Alter für dich sorgen. Denn es ist ja der Sohn deiner Schwiegertochter, die in Liebe zu dir hält. Wahrhaftig, an ihr hast du mehr als an sieben Söhnen!«

16 Noomi nahm das Kind auf ihren Schoß und wurde seine Pflegemutter.

 17    Sie gaben ihm den Namen Obed. Obed wurde der Vater Isais, Isai der Vater des Königs David.

Die Erzählung von Noomi, Boas und Rut möchte ich jetzt nicht weiter kommentieren. Sie ist eine mutiges Buch, denn sie steht in klarer Ergänzung zu Nehemia und Esra mit deren religiös-ethnischen Abgrenzungspolitik. Diese führten das Volk Israel nach dem babylonischen Exil in seinem Wiederaufbau an, und in dieser Zeit ist das Buch Rut wohl auch entstnden. Diese Erzählung von gegenseitiger Liebe und Offenheit, die alle Beteiligten beschenkt ist ein charmantes Gegenstück zur herrschenden Politik. Lesen Sie es mal in Ihrer Bibel oder im Netz unter bibelserver nach! Dort können sie auch eine moderne Übersetzung wählen.

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit noch auf das Evangelium lenken: Einige Exegetinnen sagen: Diese heidnische Frau weckt in Jesus das Bewusstsein, dass er nicht nur für die Juden, sondern für alle gekommen ist. Und die Überlieferung dieser Episode zeigt den ersten Christen – zusammen mit ähnlichen Stellen – dass sie nicht nur zu einer judenchristlichen Gemeinde berufen sind, sondern dazu das Evangelium allen Völkern zu verkünden. Jesus ist zunächst sehr schroff zu dieser Frau, die für ihre Tochter kämpft. Sie bedrängt ihn. Auch die ersten Gemeinden tun sich schwer, sich den Heiden zu öffnen, die sich Jesus zuwenden wollen. Sie tun es schließlich doch, vor allem dank solcher Leute wie Paulus und Barnabas. Aber es war ein schwieriger Weg. Zu sehr waren die Judenchristen mit ihrem Gesetz und ihren Gebräuchen verwachsen.

Es war damals wie heute: Immer wieder werden Sitten und Bräuche als unverzichtbarer Anteil der Religion verteidigt. Der Glaube kann in vielen – keineswegs in allen – ethnischen Gewändern gelebt werden. Das bedarf kluger Unterscheidung. Ob ich in reicher Gewandung oder nur spärlich bekleidet und bemalt Gottesdienst feiere, ist zumindest für den Christen eigentlich unwesentlich. Wenn aber Frauen von Männern unterdrückt oder gar verstümmelt werden, dann kann sich das nicht auf die Religion berufen, jedenfalls nicht auf die christliche und nicht auf die muslimische. Usw. Wenn wir durch die Geschichte des Christentums gehen oder heute in Gemeinden schauen, dann ist es immer wieder erstaunlich, wie christliche Offenheit von volkstümlichen oder schichtenspezifischen Eigenarten verdrängt wird. Wir Seelsorger erfahren jedenfalls immer wieder, wie es für zugezogene Christen, Deutsche wie Ausländer, schwierig ist, in neuen Gemeinden Anschluss zu finden. Das liegt auch zum Teil an denen, aber auch an den Gemeinden. Dabei ist frisches Blut neben Schwierigkeiten immer auch ein Gewinn.

Uns Deutschen geht es im Weltvergleich materiell so gut – ja, selbst den Hartz-IV-empfängern – dass wir von unserer Ernte doch wenigstens die Reste abgeben können. „Aber wir können die doch nicht alle integrieren.“ Könnten wir schon, wenn wir wollten. Das verlangt freilich Engagement und Verzicht. Unser Wohlstand ist uns zu selbstverständlich geworden. Dabei haben doch gerade die Alten unter uns die Nachkriegszeit erlebt. Wenn in der nächsten Generation mangels Nachwuchs die Renten immer kleiner werden, kommen Verzicht und Belastung wieder auf uns zu. Und wir schieben sogar Ausländer ab, die Sozialversicherung bezahlen oder als Azubi auf dem Weg dorthin sind.

Auch müssen wir bedenken, dass wir heute Überfluss genießen, weil wir mehr von unserer Erde verbrauchen, als uns zusteht. Die nächste, vor allem die übernächste Generation wird bitter dafür bezahlen und das nicht nur in Afrika. Zeigen wir also unsere Dankbarkeit für allen Erfolg durch Teilen, Offenheit und Bescheidenheit. Unser Leben wird dadurch gewinnen.

 

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