Die Freiheit vom Zeug

14. Oktober 2018, Weish. 7. 7-11; Mk. 10.17-30

Eine spannungsreiche Botschaft. Liegt da die Latte zu hoch für uns – so dass wir meinen, die Forderung, um der Nachfolge willen alles zu verkaufen, könne nicht an uns gerichtet sein? Gilt das nur für spezielle Formen der Nachfolge, wie das Ordensleben? Die anderen müssen doch zumindest für ihren Lebensunterhalt und die soziale Vorsorge aufkommen, oft aber auch eine Familie ernähren.

Oder ist es eine Überforderung? Wir kommen schließlich nicht daran vorbei, dass Jesus öfter davon spricht, dass wir um des Evangeliums willen, alles verlassen sollen. Und er redet ganz generell davon – und nicht nur für einige Auserwählte -, dass es bei viel Besitz sehr schwer ist, in das ‚Reich Gottes‘, oder in ‚Gottes neue Welt‘ einzutreten. Das ist für seine jüdische Hörerschaft gar nicht selbstverständlich. Im Alten Testament galt Wohlstand eher als Zeichen göttlicher Erwählung. Erst allmählich setzte sich auch der Gedanke fest, dass Gott eher auf Seiten der Armen und Schwachen steht.

Wir leben, auf jeden Fall im Weltvergleich, zum Teil auch im innerdeutschen Vergleich, eher in einem bescheidenen bis gut unterlegten Wohlstand. Was heißen da nun diese Geschichte und das Jesuswort für uns: „Wie schwer ist es doch für einen Reichen in das Reich Gottes zu kommen.“? Allemal können wir es nicht einfach bei Seite schieben. Wir wissen aus der Geschichte der Christenheit, dass im Reichtum die Christen in der Regel weniger gläubig und die Kirche weniger überzeugend geworden ist. Ich sage Ihnen ehrlich, dass ich auch nicht weiß, wie strickt wir dieses Herrenwort auslegen müssen. Aber deswegen dürfen wir es nicht einfach bei Seite legen.

Eines aber, scheint mir, gilt für uns alle auf jeden Fall: Wir werden aufgefordert, -  „die Saat Gottes in uns nicht in den Sorgen des Alltags zu ersticken“, wie es im Gleichnis vom Schicksal des Saatgutes heißt. Und wir werden daran erinnert,  -  dass uns der erworbene oder geschenkte Wohlstand nicht dazu verleiten darf, die Armen oder die Ärmeren zu vergessen.

Wir können es auch positiver formulieren: Die Geschichte von dem reichen Mann, der Jesus nachfolgen will, ist eine große Einladung an uns, die Freiheit, die uns Christus gebracht und vorgelebt hat, auch in der Freiheit allem Besitz gegenüber zu leben. Wir alle wissen, wie wir in den Sorgen um unseren Besitz und Lebensstandard untergehen können. Wie der Kampf um Macht und Reichtum zum Kampf aller gegen alle werden kann und wie wir dabei die Sorge und Achtsamkeit für die Ärmeren und die Schwächeren vergessen können. Franz v. Assisi, der selbst aus einer reichen Familie stammte, schaute auf den Reichtum seiner Familie und seiner Heimatstadt und sagte: „Was gibt es doch alles, was ich nicht brauche.“ Machen sie mal mit diesem Satz im Kopf einen Schaufensterbummel.

Das heutige Evangelium zeigt uns auch noch einen weiteren Aspekt, warum wohl die Armut im Evangelium seliggepriesen wird. Sie, die vor der Wende schon hier gelebt haben, wissen, dass bei weniger Konsummöglichkeiten das Leben etwas ruhiger und gemeinschaftlicher sein kann – schon allein wegen der Hilfe die jeder von jedem brauchte.

Und Jesus versichert uns, dass wir diese innere Freiheit nicht selber machen müssen; sie wird uns geschenkt. Im Text heißt es: “Bei Menschen ist es – diese Freiheit gegenüber Besitz, Prestige und Macht – unmöglich, bei Gott aber ist es möglich.“ Wir müssen und können uns nicht selber befreien. Aber offen sollten wir dafür sein, dass uns diese Freiheit geschenkt werden kann. Solche Freiheit würde uns öffnen für einander, für unsere eigene Seele und für Gott. Ein ganz einfaches Beispiel: Wenn Sie sich in der Familie etwas nicht leisten können, was die Kinder gerade unbedingt haben wollen, dann können Sie das in der Regel erklären. Schwieriger ist es, wenn Sie in all den Sorgen um das Einkommen keine Zeit mehr für einander haben. Manchmal ist das unvermeidlich. Aber wenn es die Regel wird, stimmen die Prioritäten nicht mehr. Meine Mutter sagte mal zu meinem Vater – und das habe ich mir gut gemerkt: „Es ist nicht wichtig, was du für deine Kinder tust, sondern, was du mit ihnen machst.“

Die Jünger fragen: “Wer kann denn da noch gerettet werden?“ „Bei Menschen ist es unmöglich, bei Gott aber ist es möglich“, sagt Jesus. Wir müssen es nicht machen – auch das ist eine Form der biblischen Armut und Freiheit – Gott schenkt es.

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