Leben ohne Gewalt ?

21. Oktober 2018, Jes.53. 10+11, Mk.10. 35 – 45.

Wir stehen mit dem heutigen Evangelium an einer zentralen Aussage des Lebens Jesu. Sie ist so wichtig, dass sie von Lukas gleichlautend in den Abendmahlsbericht übernommen wird, während sie Johannes in die Erzählung von der Fußwaschung kleidet.

Was uns Jesus in dem Ev. beschreibt, kennen wir wohl: Die Mächtigen üben ihre Macht aus und unterdrücken die Schwächeren. Sie tun alles oder vieles, auch Unmoralisches, um an der Macht zu bleiben. Und die Schwächeren leiden darunter. Das gilt vielfach - nicht überall – im öffentlichen wie im privaten Leben. Wir selbst neigen in diesem Spiel bisweilen auch dazu, uns eher als Opfer denn als Täter zu sehen. Das erlaubt uns, bei günstiger Gelegenheit aufzubegehren, den anscheinend Gewalttätigen ein schlechtes Gewissen zu machen und so doch etwas Macht oder Einfluss zu erhaschen. In den letzten Jahren mussten wir lernen, wie sehr auch in der Kirche Gewalthierarchien auch sexuelle Ausbeutung erzeugen können – und das nicht nur in der Kirche, sondern in allen Gruppen bis in die Familien. Gern übersehen wir, dass  wir auch im Kleinen vielfach Macht ausüben: Durch Schlagfertigkeit, durch Spott, durch moralischen Druck, durch demonstratives Leiden usw. Dabei will ich nicht sagen, dass Macht immer verwerflich sei. Als Verantwortung und Initiative ist sie notwendig und kann ein Dienst sein. Hier geht es um die Macht, die andere unterdrückt.

Unter dem beschriebenen Zustand leiden viele mehr oder weniger bewusst.  Die einen leiden unter dem Druck von oben offensichtlich - und wenn wir es, um nicht in Konflikte zu geraten, verdrängen, dann wissen oft unsere verspannten Schultern oder andere seelisch verursachte Krankheiten von besagtem Druck.

Aber auch die jeweils oben Sitzenden - und  je nach Rolle und Situation sind wir ja bald oben und bald unten - leiden nicht selten unter dem Kampf, den erlangten Anteil an Macht zu verteidigen. Oben zu bleiben kostet viel Einsatz und Stress. Und man macht sich auch Feinde und wird einsam. Auch  drückt nicht selten die mit der Macht verbundene Verantwortung oder - falls die Verantwortung nicht wahrgenommen wird - das schlechte Gewissen.

Um aus diesem unterschiedlichen Leid herauszukommen, bietet Jesus einen Weg an, der uns allerdings einigermaßen riskant erscheint: Er weiß, dass der dauernde Machtkampf zu den Grundregeln dieser Welt gehört. Und er sagt dazu: Steigt aus, macht nicht mehr mit! Kämpft nicht mehr gegeneinander, sondern entdeckt das Miteinander, dient einander! Er will nicht eine neue Klasse von Herrschenden installieren, indem seine Jünger zu allem treu und brav ja sagen, oder indem auf revolutionäre Weise die bisher Dienenden die Herrschenden werden, wie das nach gewaltsamen Umstürzen meistens so geht. Er sagt auch nicht: Die einen sollen dienen und die anderen sich nur bedienen lassen. Aber er sagt: Hört mit eurem egoistischen Stärker-sein-müssen auf und dient einander, einmal die Eltern den Kindern und einmal die Kinder den Eltern usw. Im Johannesevangelium heißt es dann: Ihr sollt einander die Füße waschen.

Wir ahnen wohl manchmal, welche Freiheit in dieser Aufforderung liegt: Der Zwang, sich an der Macht zu halten, vorbei! Ich muss mir nicht mehr klein vorkommen, nur weil ein anderer mehr Aufmerksamkeit bekommt,  oder weil er gar über mich zu bestimmen hat. Ich weiß um meinen Wert und meine Würde, die mir kein anderer bestätigen muss. Wenn ich diene, stehe ich auf der Seite Gottes. Die Angst vor Machtverlust könnte abnehmen,  ebenso wie die Angst, abgelehnt zu werden, wenn wir uns einem Anspruch verweigern, weil er uns nicht in Ordnung zu sein scheint oder über unsere Kräfte geht. Wir könnten dienen in Freiheit und aus Zuneigung zum Anderen -nicht aus Angst vor Liebesverlust oder Strafe. Unser Dienst wäre so ein Dienst in Würde.

Auch die Gefahr, ausgenützt zu werden, wäre geringer. Wer nicht alle Erwartungen aus innerem Zwang erfüllen muss, sondern auch Nein sagen kann, der ist vor Ausbeutung sicherer, weil er eben ein freier Mensch ist. Woher aber sollen wir diese Freiheit nehmen, wenn uns Angst und Schüchternheit in die Wiege oder auf unseren Lebensweg gelegt sind?  Ich meine, wir müssen diese Freiheit nicht weit entfernt suchen. Sie ist schon in uns gelegt, wenn auch oft durch schlechte Erfahrungen und Angst verschüttet. Unser Herz weiß, dass in selbstloser Liebe Glück und Kraft liegen. Unser Herz weiß, dass wir der Verheißung Gottes vertrauen können, dass auf seinem Weg die Befreiung liegt. Und erst recht wissen wir, dass uns der dauernde Machtkampf  nur kaputt macht. Wir wissen, dass wir nur die beiden Alternativen haben: Machtkampf oder liebevoller Dienst in Gleichberechtigung. Alles hin- und herschwanken zwischen den beiden Wegen macht uns nur noch unglücklicher und auf jeden Fall erfolglos.

JESUS sagt uns nicht, dass sein Weg leicht sei, aber er verspricht, dass er mit uns geht, wenn wir uns auf seinen Weg einlassen.  Und er sagt uns, dass wir so an seinem Glück, an der Erfülltheit seines Lebens teilhaben.

Die Gesellschaft, in der wir leben, wird uns auf dem Weg Christi in der Regel nicht unterstützen sondern wir werden wie Christus auch untergebuttert. Die Jünger fragt er: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke?“ Das macht uns Angst. Daher ist es auch sinnvoll, den Weg Jesu nicht mit Hurra zu gehen, sondern vorsichtig: Damit meine ich nicht faule Kompromisse, sondern eben ein vorsichtiges Herangehen: Nicht zu jedem Anspruch Ja sagen und nicht bei jeder Gelegenheit gleich nach einem Machtvorteil greifen, sondern die Reaktion etwas verzögern. So gewinnen wir Zeit, um zu sehen, was jetzt wirklich für uns richtig ist. Wir können dann auch versuchen, den anderen Menschen nicht nur als Konkurrenten oder Herrn zu sehen, sondern als Menschen mit seinen Ängsten, Bedürfnissen und mit seinem Wahn. Und dann wird unser Verhalten voraussichtlich etwas anders aussehen. Wir werden angstfrei Liebe schenken und empfangen können und wir werden wahre Freunde gewinnen.

Gott wird uns leiten, wenn wir versuchen auf seine Stimme in uns zu hören.

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