Die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung

11. November 2018, Ijob 19.13, Matthäus 11.25, Gastpredigt von Pater Knüfer für die Katholische Studentengemeinde Leipzig

 

Die Kraft Gottes kommt in unserer Schwachheit zur Vollendung.

Ich habe also als die Schriftstelle, mit der ich mich als einer der 6 Jesuiten aus dem 4. Stock vorstellen möchte, einen Satz aus dem Philipperbrief ausgewählt, den wir auch in der neutestamentlichen Lesung gehört haben und den ich für das Gebetsbild zur Erinnerung an meine Priesterweihe vor fünfzig Jahren ausgewählt hatte. Er stimmt für mich heute noch und heißt:

Die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung.

Wir ergänzen natürlich gleich: „Die Kraft Gottes kommt in unserer menschlichen Schwachheit zur Vollendung“ Es kann aber doch auch heißen: Die Kraft Gottes, die uns geschenkt wird und die dann auch unsere Kraft ist, kommt erst dann richtig zur Wirkung, wenn wir auch unsere eigene Schwäche sehen und akzeptieren und wenn  unser egozentrisches Machen zu Ende geht.

Ich höre da schon die Frage – in mir und von anderen: Müssen wir denn zuerst klein gemacht werden, damit Gott in uns wirkt? Hat Gott es nötig uns niederzumachen, bevor er uns hilft? Ist er etwa eifersüchtig auf unser eigenes Können und Denken? Kann er kluge und gescheite Menschen neben sich nicht ertragen, wie das im Evangelium missverstanden werden kann? Muss Jiob am Boden zerstört werden, bevor ihm die wahre Größe Gottes offenbar wird? Was ist das für ein Gottesbild?

Als Kind habe ich gelernt: Du musst brav sein, dann liebt dich Gott. Als Jugendlicher sah ich meine Religiosität eher ein moralischen Leistungssport. Unsere überichorientierte Erziehung ging auch in diese Richtung und für den Jugendlichen ist das vielleicht auch angemessen. Aber je älter ich geworden bin, desto mehr habe ich erlebt, dass ich mit moralischer Disziplin nie ein gottgefälliger oder glücklicher Mensch werde. Andere schaffen das ja vielleicht. Ich nicht. Aber die Botschaft des Paulus, dass wir nicht durch Werke gerettet werden sondern dann, wenn wir an die geschenkte Liebe Gottes glauben; diese Lehre die im 4. Jahrhundert Augustinus gegen den asketischen Ehrgeiz eines Teils der Mönche und später Luther gegen den Ablasshandel als Gipfel der Werkgerechtigkeit wieder betont haben, diese Lehre ist mir immer wichtiger geworden.

Es geht nicht darum, dass es egal wäre, ob wir aus Liebe und Wahrhaftigkeit handeln oder nicht. Wenn wir an Gottes geschenkte Liebe von Herzen glauben, dann werden wir auch aus Liebe handeln. Aber Gottes Liebe hängt nicht von unserem Handeln ab, sondern, wie der Evangelist Johannes sagt: Gott hat uns zuerst geliebt. Das Leben ist erst einmal Geschenk. Und wenn wir – aus welchem Grund auch immer – tausendmal versagen, solange wir uns gegen Gottes Erbarmen nicht verschließen, steht es auch immer wieder für uns offen. Wo kämen wir hin, wenn das Gelingen und das Glück unseres Lebens von unseren Leistungen abhingen?

Demnächst werde ich 80. Da denke ich natürlich öfter daran, wie das wohl sein wird, wenn ich tot bin. Jedenfalls werde ich nackt, verdreckt und verletzt vor Gott stehen. Aus dem tollen Mann Gottes, der ich werden wollte, ist jedenfalls nicht viel geworden und auf die letzten Meter wird das auch nichts mehr. Aber zum Glück sagt uns Jesus, dass nicht der korrekte und eingebildete Pharisäer von Gott angenommen wird, sondern der  Zollpächter. Der war natürlich nach den damaligen Spielregeln auch ein Zollausbeuter. Er wusste das auch und hat sich in seiner Armseligkeit ohne Beschönigung vor Gott hingestellt und sich seinem Erbarmen überantwortet. Das ist tröstlich, auch wenn es nicht einfach ist. Es kränkt unseren Stolz. Wenn wir uns aber alles schenken lassen können, dann stehen wir Gott nicht mehr im Wege, dann lassen wir uns von ihm leiten und dann kommt, wie Paulus sagt, seine Kraft in uns zur Vollendung.

Gott braucht es wirklich nicht, dass wir klein sind. Aber wir brauchen es, dass wir nicht auf unser kleines Ego vertrauen und nicht an unserer Schwäche verzweifeln, sondern Gott an uns wirken lassen, dass wir auf dieses Wirken, auf sein Licht in uns, vertrauen und darin unser Glück und unseren Frieden finden. Das Achten auf das Wirken Gottes in uns, wird uns auch davor bewahren, auf andere herunter zu schauen oder in Vergleichskämpfe zu verfallen. Alles Wesentliche im Leben ist Geschenk. Ich wünsche Ihnen dieses Vertrauen und diese Gelassenheit.

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