Die Mitte des Lebens finden

25. November 2018, Christkönigsfest B; Offb. 1.5-8, Joh. 18.33b-37.

Was können Sie mit diesem Fest anfangen?  Sie können auch dann gut katholisch sein, wenn es Ihnen nichts sagt. Schließlich ist es erst 1925 von Pius XI eingeführt worden als Zeichen gegen die Entchristlichung der Gesellschaft. Seine Botschaft war: Christus ist der König aller Welt und aller Zeit. Zur Zeit des Faschismus war es zumindest in Deutschland und Italien vor allem für Jugendliche ein kirchlicher Gegensatz zu dem totalen Machtanspruch des Staates und seines Führers. Aus der Nachkriegszeit kann ich mich noch erinnern – das davor habe ich noch nicht so mitbekommen – dass das in der wieder gewonnen Freiheit und der Not und Hoffnung des Wiederaufbaus ein Fest des Mut Machens war. Es war der „Bekenntnistag“ der katholischen Jugend. Was die Jugend heute damit anfangen kann, weiß ich nicht. Was verbinden wir heute mit dem Begriff ‚König‘? Eindrucksvolle und das Staatsvolk einigende Gestalten oder Skandal- und Schauergeschichten? Und was bedeutet es Ihnen, auf „Christus den König“ zu schauen?

Vielleicht können Sie sich darauf einlassen, das Königtum Christi unter der Rücksicht anzuschauen, dass er für unser Leben die Mitte sein kann. Vielleicht überrascht Sie das, aber es gibt doch für viele und vielleicht auch für uns zeitweise das Problem, dass unser Leben in viele Teilstücke zerfällt: Wir teilen mit vielfach wechselnden Menschen unsere Lebensbereiche: Familie, Beruf, Kirchgemeinde, Verein, Freundeskreis usw. Zum Teil gelten in diesen verschiedenen Lebensbereichen unterschiedliche Leitwerte. Hier gilt vor allem Durchsetzungsvermögen etwas und dort einfühlsames Verstehen; hier Toleranz und dort die Meinung der Mächtigen. Oft können wir auch in der Familie unser Leben in diesen Teilbereichen nicht miteinander teilen. Der Partner versteht bisweilen nicht, was eine/r beruflich macht, die Eltern mitunter nicht, was den  Kindern in der Schule passiert. Teils ist es zu kompliziert, teils fehlt anscheinend die Zeit oder Geduld aufmerksam zuzuhören. Und viele müssen in verschiedenen Bereichen sehr unterschiedliche, teils widersprüchliche Rollen spielen. Im Beruf habe ich evtl. nicht viel zu sagen und zu Hause meine ich die ganze Verantwortung tragen zu müssen. Und wer bin ich dann jeweils? Das Leben droht in Sparten auseinander zu brechen und wir verlieren dabei unsere Mitte.

Ich glaube, dass es für viele wohltuend und heilsam wäre, wenn unser Leben mehr inneren Zusammenhalt hätte. Und was hat das mit Christus zu tun? Wir sagen, er sei der König des Weltalls. Kann er auch die Mitte unserer kleinen zerflatterten Welt sein? Konkret könnte das heißen:

+      Sein Gesetz der Liebe gilt in allen unseren Lebensbereichen, auch wenn es im Privaten und im Beruflichen so ganz anders zu sein scheint. Hier muss ich evtl. eher einen Standpunkt vertreten dort eher zuhören oder trösten. Aber ich kann – mit Gottes Hilfe – in allem aus der gleichen wertschätzenden Grundeinstellung gegenüber den Mitmenschen handeln. Ich muss nicht immer ein ganz  anderer sein. Ich kann identisch, ich kann in meiner Mitte bleiben.

+      Im Freundeskreis muss ich nicht den großen Maxe spielen, weil ich zu Hause völlig unter dem Pantoffel stehe. Ich kann im Glauben lernen, dass ich das Recht, die Pflicht und auch die Kraft habe, meine Würde und meine Meinung immer zu vertreten, aber nicht zu übertreiben: Gegenüber Frau und Kindern ebenso wie gegenüber meinem Chef oder meinen Mitarbeitern.

+        Vor allem aber kann ich im Blick auf Jesus immer wieder zu der Zuversicht zurückkehren, dass ich auch im Scheitern noch eine Hoffnung habe, wieder aufzustehen; dass mir auch dann noch letztlich Recht geschehen wird, wenn ich jetzt ungerecht behandelt werde. Ich muss mich dann nicht mehr rächen und nicht an Schwächeren meine Wut auslassen, die ich sie anders nicht verarbeiten kann und nicht loswerde.

+        Schließendlich habe ich dann, wenn Christus meine Mitte ist, immer einen, der mir zuhört, vor dem ich mein inneres Chaos ordnen kann und bei dem ich Kraft finde, wenn mir alles um die Ohren fliegt. Vielleicht antworten Sie mir: Ich finde bei dem auch keine Ruhe oder Kraft bzw. ich spüre dann, wenn ich ihn brauche seine Nähe nicht. – Ja, es geht bisweilen darum, dass wir mit Ausdauer nach Ruhe und Richtung suchen und beten. Sie sagen vielleicht, der lebt wohl auf Wolke sieben, aber ich frage Sie trotzdem, ob Sie nicht einmal mit Ihrem Partner oder Freund oder mit Ihrer Tochter gerade dann, wenn sie streiten oder verletzt sind, miteinander beten oder schweigen könnten, bevor sie weiterreden.

Jesus sagt vor Pilatus, sein Reich sei nicht von dieser Welt. Das heißt nicht, es sei weltfremd. Er hat versucht, dieses Reich Gottes, dieses Gesetz der Liebe und der Hoffnung auf dieser Erde zu verkünden. Er hat die Erfahrung gemacht, wie schwierig das ist, aber auch, dass es teilweise möglich ist. Und er hat die Hoffnung nicht fahren lassen, dass Gott der Garant dafür ist, dass kein auch noch so kleines Bemühen bei ihm verloren ist. Nicht in dieser Welt muss alles ans Ziel kommen. Er ist auferstanden. Das kann auch uns die Zuversicht geben, so wir sie annehmen, dass es möglich ist Menschen mit einer Mitte zu sein und in einem Gesamtzusammenhang  bzw. aus Gott zu leben.

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