Die Erlösung kommt aus bescheidener Liebe.

9. Dezember 2018, 2. Advent, Phil.1. 4-6 + 8-11.

Ist Ihnen bei diesem Evangelientext die Parallele zu unserer Zeit aufgefallen? Oder ist Ihre Aufmerksamkeit erloschen, als es losging: „Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius…“? Wenn Sie aufmerksam zugehört haben, ist Ihnen vielleicht die Parallele zu unserer Zeit aufgefallen: Damals waren es vornehmlich um den eigenen Machterhalt und nicht um das Wohl des Volkes bemühte große und kleine Machthaber; heute ist es mit den Weltmächten und auch in einem Teil unserer Nachbarstaaten nicht besser. Die Details muss ich hier nicht aufzählen.

Das jüdische Volk erwartet einen mächtigen Messias, der von Gott kommt und das Elend beendet. Heute erklingt schon wieder der Ruf nach starken Führern, weniger nach geduldigen demokratischen Prozessen. Vielleicht hat uns die CDU jetzt ein alternatives Beispiel gegeben. Wir wissen, dass gewaltsame Umstürze ohne geistige Erneuerung meist nur zu neuem Elend führen, von der „glorreichen Sowjetrevolution“ bis zu dem jüngst gewählten brasilianischen Präsidenten stark brauner Färbung. Daher der Weg Gottes durch die Bescheidenheit und Geduld. So  tritt der Täufer Johannes auf, der wie manche Propheten des Alten Testamentes von unten kommt: aus einem kleinen Bergdorf und aus der Familie eines unbedeutenden Priesters, der zu allem Überfluss keinen Nachwuchs hat, bis dann in vorgerücktem Alter ihm und seiner Frau der Johannes geschenkt wird.

Der tritt auf nur mit der Macht des Wortes und der Kraft des Geistes, der ihn treibt. Er löste eine kurzfristige Bewegung aus, fällt dann aber der Feindschaft der Herodias und der Rückgratlosigkeit des Herodes zum Opfer. Jesus, der damals auch schon öffentlich tätig ist, weiß darum und lässt es geschehen, so wie er auch zu seiner Rettung keine himmlische Hilfe herbeiruft.

Sein Auftreten ist zunächst auch nur das eines provinziellen Wanderpredigers, der einen kurzfristigen Hype auslöst. Die breitere Menge verlässt ihn alsbald wieder, als seine Worte nicht den gestellten Erwartungen entsprechen. Einen Niederschlag dieses Prozesses finden wir bei Johannes nach der Rede vom lebendigen Brot. Da heißt es: „Da verließen ihn viele und zogen nicht mehr mit ihm“, sodass Jesus seine Jünger fragte: „Wollt auch Ihr gehen?“

Dieses Bild vom äußerlich machtlosen Messias, der aber redet „wie einer der Macht hat“, und den nur wenige verstehen, zieht sich durch die ganze Kindheits- und Frühgeschichte bei Matthäus und Lukas. Dieser Messias scheitert äußerlich. Er säht nur den unscheinbaren Samen der Liebe und Wahrhaftigkeit, der dann in der wiederum äußerlich kaum sichtbaren Geschichte von Ostern und Pfingsten seine Wirkung entfaltet. Es geschieht in einer in den ersten drei Jahrhunderten äußerlich machtlosen und zugleich geistmächtigen Kirche. Das ist offensichtlich der Weg Jesu. Ich möchte nicht schwarz-weiß zeichnen. Auch die frühe Kirche kannte ihre inneren Machtkämpfe von Anfang an. Und die spätere freie und teilweise wohlhabende sowie mächtige Kirche kennt hohe geistliche und kulturelle Blütezeiten. Sie kennt aber auch zwangsweise Missionierungen und üble Formen des internen Machtkampfes, wie auch den Kampf mit dem jeweiligen Staat - vom Investiturstreit über den Kulturkampf bis zum Streit um die Besetzung von Rundfunkbeiräten.  Wenn ich Ihre jüngere Vergangenheit hier recht verstehe, dann kennen auch Sie diese Erfahrung: Die äußerlich unter Druck stehende Kirche der DDR war teils innerlich lebendiger, als die im ‚freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat‘  lebende, die teilweise in Wohlstand und Kapitalismus verstrickt ist.

Das Reich Gottes wächst im Neuen Testament von Anfang dort, wo Menschen auf Gott vertrauen, einander lieben und der Wahrheit die Ehre geben. Nicht gewaltige Kirchbauten künden in erster Linie die Anwesenheit Gottes unter uns. Die zeugen oft als Haus Gottes in großer Zwiespältigkeit auch von der Macht der geistlichen und weltlichen Fürsten und dem Stolz der Bürger. Große kirchliche Sozial- oder Bildungswerke sind nur dann Orte von Gottes Reich, wenn sie den Menschen wirklich dienen. Das kann mitunter leise schleichend verloren gehen. In der Seele glücklich werden wir erst dann, wenn wir einander und vor allem den Armen an Leib und Seele helfen. Nicht ein großer Nachruf wird am Ende unser Glück sein, sondern jeder Mensch, dem wir Schwester oder Bruder waren. So feiern wir Weihnachten auch nicht  in rechter Weise, wenn wir üppige Weihnachten feiern, sondern dann, wenn wir in den seelisch oder materiell Armen und Verletzten Christus aufnehmen. Daran zu denken kann den Rückblick oder die Aussicht auf das eigene Leben erschüttern aber auch vergolden.

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