Menschwerdung in unserer Welt

Weihnachten 2018

Keine Angst; ich werde jetzt nicht immer mit Bild predigen. Aber da war das neue Weihnachtsbild von Michael Triegel letzte Woche in der FAZ. Und dann war Herr Triegel auch noch vorgestern hier im Gottesdienst und wir kamen hinterher ins Gespräch und er hat mir noch einiges zu dem Bild erklärt, worauf ich mich jetzt beziehe, ohne Garantie dafür, dass mein löchriges Kurzzeitgedächtnis alles richtig wiedergibt. Aber ein Bild darf ja auch jeder mit seinen Augen sehen.

Aber damit will ich nicht anfangen. Zuerst ein Blick in unsere Zeit, in die die Weihnachtsbotschaft hineinverkündet wird. In den Weihnachtsansprachen von Bischöfen und Politikern fehlen auch nicht die Hinweise auf unsere Problemlage. Daher will ich hier die Punkte nur summarisch ansprechen:

Es geht uns eigentlich gut hier im Herzen Europas, im Weltvergleich äußerlich sehr gut.

Zugleich tanzen wir auf einem Vulkan. Nicht zuerst, weil wir auf einer dünnen Kruste über einer brodelnden Erdmasse leben, wie uns in diesen Tagen in Indonesien wieder vor Augen geführt worden ist. Der Klimawandel betrifft die Erde viel globaler, als ein einzelner Vulkanausbruch. Dabei betrifft dieser Wandel vorrangig die, die ihn am wenigstens verursacht haben  -  von den Inselbewohnern des Südpazifik bis zu den Dürregebieten Afrikas.

Damit hängt eng ein noch belastenderes Problem zusammen: Die Weltgesellschaft driftet immer mehr auseinander. Die Armut wird eigentlich weniger, aber mit vielen Millionen Verhungerten, vor allem verhungerten Kindern, ist sie immer noch viel zu groß. Und die Schere zwischen Armen und Reichen geht immer weiter auseinander, in Deutschland und in der ganzen Welt. Das ist eine der Ursachen gesellschaftlicher Spannungen, die Kriege und Terror sowie das Aufkündigen der Solidargemeinschaft der Völker in sich und untereinander erzeugen. Noch nie waren weltweit so viele Menschen auf der Flucht: 68 Millionen, 85% in den ärmeren oder armen Ländern, 50% unter 18, 40 mill. davon, d.h. zwei Drittel im eigenen Land. Andere Risse in der Weltgemeinschaft tun sich wieder weiter auf: Zwischen Jung und Alt, zwischen politisch Uninteressierten und Fanatisierten, zwischen links und rechts. Die autoritären Regime nehmen zu und nicht ab. Viele Menschen bei uns und anderswo sind der Mühen der Demokratie müde und suchen nach Führern. Haben wir vergessen, wohin das führt? Dazu werden auch religiöse Differenzen mißbraucht oder lassen sich mißbrauchen. Auch in den Religionsgemeinschaften gibt es gefährliche Anhänglichkeit an den Autoritarismus. Dazu kommt noch dass die Menschen immer mehr von automatisierten Kapitalströmen und Maschinen beherrscht werden und sich mitunter auch gerne beherrschen lassen.

Und da wird uns gesagt: Ein Kind ist uns geboren        

Davon kommt die Rettung. Ja in jedem Kind, das uns geboren wird, begegnet uns Gottes Liebe, Gottes Ja zum Leben, begegnet uns das Ja der Eltern zum Leben. Und in jedem Kind, das wir in Liebe annehmen sagen wir ja zum Leben, zu diesem schönen und brüchigen Leben. Und mit jedem Kind übernehmen wir Verantwortung für diese Erde und diese Gesellschaft, sie lebensfreundlich zu erhalten. Jedes Kind schwebt im Ungewissen, wie das Jesuskind hier auf dem Bild, es hängt in der Luft mit Fäden schon verbunden mit den Totenschädeln, die einen Siegeskranz bilden mit einem Lebenssymbol in ihrer Mitte: einem Embryo in der Fruchtblase. Josef weist darauf hin. Etwas gewöhnungsbedürftig: das Leben.

Das Jesuskind kommt in einem Stall zur Welt, hier schön gemalt aber im Grunde genommen ein Verhau, wenn man sich von der Ästhetik der Malerei nicht täuchen lässt. Im Hintergrund bildet die Leiter mit einem Balken ein Kreuz; sie erinnert, wenn sie wollen, an die Jakobsleiter, die zum Himmel führt, an die Auferstehung. Wenigstens liegt vorne in der Ecke friedlich ein Schaf. Oder ist es das Opferlamm?

Ich meine, so ist unser Leben: Voll Gefahren und Unheil; voll Liebe und Glück, wenn wir einander annehmen, wenn wir die Kinder und das Kind in uns annehmen, gleich ob gesund oder krank, ob wohlgeraten oder schwierig, ob fremd oder vertraut. Immer wenn wir einander annehmen, erfahren wir das Angenommensein durch Gott. Und wenn wir glauben, nicht genug davon zu erfahren, dann haben wir immer noch allen Grund in der Tiefe unserer Seele zu schauen, ob da nicht doch die Spur der Liebe Gottes zu finden ist, der uns trägt, der uns mit offenen Armen wie ein Kind entgegenkommt. So die Botschaft: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er die Kraft, Kinder Gottes zu werden. So haben wir seine Größe und Schönheit gesehen, voll  Liebe und Wahrheit.“ (Joh.1;12)                                                    

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