“Als Jesus betete öffnete sich der Himmel...”

13. Januar 2019, Taufe Christi 2019, Apg. 10.34-38; Lk. 3.15+16, 21+22.

Jedes Jahr hören wir den Bericht von der Taufe Jesu durch den Täufer Johannes. Es ist ein Bild, eine Erzählung, die viele Themen aus dem dann folgenden Wirken Jesu aufgreift. Eines möchte ich mit dem Evangelisten Lukas heute herausstellen: Nur bei Lukas lesen wir die Textvariante: Jesus ließ sich taufen und während er betete, öffnete sich der Himmel. Mehr als alle anderen Evangelisten zeigt uns Lukas Jesus immer wieder als betenden. Vor und bei allen wichtigen Schritten betet Jesus, d.h. er nimmt Kontakt auf mit seinem himmlischen Vater und lauscht in seinem Herzen auf dessen Weisung und Wort: Seine Sendung. Da öffnete sich der Himmel, Gottes Geist kam auf ihn herab und Gott sprach zu ihm. Nehmen Sie das mal nicht zuerst als äußeres Ereignis, sondern als etwas, was im Geiste, im Herzen Jesu geschah. Im Gebet erfährt Jesus, dass Gott ihn bestätigt, dass er ihn liebt und in die Welt sendet.

Vielleicht fragen Sie mich jetzt: Wie soll man sich denn das vorstellen, dass Gott im Gebet zu uns redet?  Hier geht es um religiöse Erfahrung. Aber was ist das? Sind das die Schwingungen unseres vegetativen Nervensystems oder  Reaktionen in der Großhirnrinde? Und diese körperlichen Vorgänge sollen etwas mit Gott zu tun haben?

Ich glaube nicht, dass es bei religiöser Erfahrung vor allem um schöne Gefühle geht; die kommen und gehen wie Hunger und verliebt Sein. Auch die schönste anscheinend religiöse Begeisterung ist nur dann keine Droge, wenn sie zur Beständigkeit auf dem Weg Gottes führt. Wir sollten Gottes Stimme in uns nicht mit unseren Gefühlsschwankungen verwechseln. Ich  spreche von religiöser Erfahrung lieber erst dann, wenn ich innerlich still werde, wenn die egoistischen Leidenschaften wenigstens zeitweise und dann immer mehr schweigen, wenn ich bereit bin mich senden zu lassen und einen Dienst an den Mitmenschen zu übernehmen und wenn eine Sehnsucht und zugleich ein erstes Wissen um die mein Leben unverbrüchlich tragende Liebe Gottes entsteht, wenn langsam eine Gewissheit entsteht, dass mein Leben angenommen und getragen ist und dass es letzten Endes nicht scheitern kann, wenn ich Gott nicht loslasse. Mit dieser inneren Wahrnehmung unserer Beziehung zu ist es ähnlich wie mit unserer Wahrnehmung in zwischenmenschlichen Beziehungen oder in Fragen der Lebensorientierung. Auch da nehmen wir nur gut wahr, wenn unser Blick nicht von Erwartungen, Vorurteilen oder innerem Aufruhr getrübt ist. Auch auf diese Wahrnehmung können wir uns nur verlassen, wenn sie ruhig und beständig ist.

Die Stille kann ich auf verschiedene Weise suchen: Im Wald, bei der Meditation, im Gottesdienst usw. Sie bedarf aber auch einer zunehmend klaren Lebensführung und es geht dabei immer darum, dass ich nicht nur meine Ruhe finde, sondern dass ich zugleich offen bin, dass ich innerlich höre, welche Gewissheit und Weisung ruhig und zunehmend fest in meinem Herzen entsteht. Dabei können wir davon ausgehen, dass alles, was laut und hektisch ist, was uns verwirrt, unruhig oder gar intolerant  macht, keine Wahrnehmung des Weges ist, den Gott uns zeigen will.

Jesus hat die innere Stille und Aufmerksamkeit offensichtlich sehr gepflegt.  Er ging immer wieder in die Einsamkeit und aus der Einsamkeit der Wüste heraus beginnt er sein öffentliches Leben. Er ist innerlich frei. Nichts stört in ihm das Wirken Gottes. Und so geht Kraft von ihm aus. Er tut Gutes, heilt die Menschen und kann ihnen den unverfälschten Willen Gottes verkünden.

Wir können über Gott und zu Gott nur dann lebendig reden, wenn wir uns wenigstens ansatzweise auf solche religiöse Erfahrung einlassen. Andererseits bleiben für uns Predigt und Gottesdienst leere Worte und auch der beste Prediger kann diese Leere nicht füllen, wenn wir nicht von Herzen nach Gott suchen. Religiöse Gespräche sind nur dann mehr als heiße Luft, wenn wir dabei nicht primär religiöse Theorien und Meinungen austauschen, sondern wenn wir über uns und unser Leben und Erleben sprechen. Das macht uns natürlich verletzlich und wir sollten es daher vorsichtig tun. Wenn wir es aber nicht tun und das Reden über Gott ein Wettkampf ist, wer wohl die bessere Theologie vertritt, dann bleibt die Seele hungrig und leer und wir fangen an zu streiten.

Von Jesus haben wir gehört: Als er betete, öffnete sich der Himmel. Sören Kierkegaard, der dänische Theologe und Existenzphilosoph beschreibt, wie er die Entwicklung des Gebetes erlebt hat:                                                                  

“Als mein Gebet immer andächtiger und inniger wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören, beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.”

Es ist ein langer Weg. Ich wünsche Ihnen dazu die nötige Geduld. Der Weg lohnt sich.

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