H E U T E

27. Januar 2019, 1 Kor. 12.12-31a; Lk 4, 14-21.

HEUTE;  Wann ist „Heute“? Damals oder jetzt. Ist es auch unser Heute?

Wie Sie wahrscheinlich noch gar nicht bemerkt haben, beginne ich die Verkündigung des Evangeliums nur noch selten mit „In jener Zeit…“. Ich befürchte die Assoziationskette von „Es war einmal…“: Nette Geschichte, aber Märchen und nur bedingt aktuell. So aber ist das keine Heilsgeschichte mehr. Meist erwähne ich den Zusammenhang, in dem ein Tagesevangelium steht, denn der ist vom Evangelisten in der Regel nicht zufällig gewählt. Davon ausgehend können wir dann fragen, in welchem Zusammenhang das Evangelium jetzt für uns steht. Das macht auch Jesus mit dem Propheten Jesaia. Auch wir müssen das Evangelium immer in unseren Lebenszusammenhang stellen. Es geschieht heute oder es geschieht nicht, nicht für uns.

Om heutigen Evangelium spricht Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens. Der Zusammenhang ist: Er kommt von seiner  Geisterfahrung am Jordan und von seiner inneren Klärung oder Versuchung in der Wüste. Er hat sein erstes Wirken schon hinter sich: Er heilt in der Kraft des Geistes Kranke, vertreibt das Böse und er redet beeindruckend, „wie einer der Macht hat“, wie wir aus dem weiteren Zusammenhang wissen.

Und wir? Was heißt für uns Heilung und Erlösung? Welche Wunden oder Anliegen bringen wir mit zum Gebet? Was sind die Nöte unserer Zeit, aus denen heraus wir hoffen? Oder erwarten wir gar nichts?

Heilung heißt, uns heilen lassen. Oder sind wir dazu zu stolz? Und es heißt, andere an Leib und Seele zu heilen und das nicht nur auf die Ärzte und Seelsorger oder Therapeuten abzuschieben. Erlösung das heißt Liebe und Barmherzigkeit schenken und sich schenken lassen. Gott wirkt sein Heil in uns und durch uns durch seine Kraft in uns und durch die Hoffnung, die uns Christus neu erschlossen hat. Wir müssen es nur zulassen, wir müssen nur wach und offen für sein Wirken sein. Jede von uns kann in der Stille seine Impulse in uns spüren.

Es geht aber nicht nur um Barmherzigkeit. Es geht auch um den Einsatz für Gerechtigkeit und Befreiung von ungerechten Lasten und Gesetzen. Bei Jesus ist das deutlich zu sehen. Er heilt, er nimmt die Sünder, die Armen und Kranken in seine Gemeinschaft auf und er wendet sich immer wieder gegen soziales Unrecht und gegen eine den Menschen einschnürende Auslegung der Gebote Gottes. Er kämpft trotz allem Ärger, den er sich damit macht, gegen unsinnige Sabbatregeln und gegen Reinheitsgebote, die in der Anwendung absurd sind und ganze Menschengruppen ausschließen, wie z.B. Frauen in der Menstruation, die Aussätzigen oder die Hirten, denen die Weihnachtsbotschaft zuerst verkündet worden ist. Er ist nicht gegen Reinheitsgebote und nicht gegen den Sabbat. Die sind sehr sinnvoll. Er ist gegen deren menschenverachtende Auslegung.

An Papst Franziskus ist gut abzulesen, wie man die Barmherzigkeit mit dem Einsatz für Gerechtigkeit verbinden kann, auch wenn dabei unvermeidlicher Weise Fehler passieren. Wie aktualisieren wir heute Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in unserem Leben, in der Familie, im Freundeskreis oder Beruf und in der politischen Wirklichkeit? Beide fallen nicht vom Himmel, sie geschehen durch uns oder sie geschehen nicht.

Und es gibt auch, so meine ich, noch ein anderes Heute, in dem das Heil geschehen kann und muss: das Heute der Kirche, der Kirche die wir sind. Wir sind nicht mehr die Kirche, die wir einmal waren. Wir sind – alle Christen zusammengenommen - keine Volkskirche mehr, sondern eine Minderheitenkirche. Dazu kommt, dass die Kirche in der jüngeren Vergangenheit viel von dem Vertrauen verspielt hat, das sie bislang auch über ihre Mitglieder hinaus noch hatte. Jetzt sind wir – nicht nur die Hauptamtlichen – alle als Volk Gottes gerufen zuerst das Vertrauen wieder zurückzugewinnen: durch ein glaubwürdiges Leben, durch Selbstlosigkeit, durch Hilfsbereitschaft und durch gegenseitige Liebe innerhalb der Glaubensgemeinschaft. Und dann ergeht an uns alle der Auftrag, das Evangelium ‚bis an die Enden der Erde‘ oder unserer Gesellschaft zu tragen; nicht aufdringlich, nicht unklug, sondern zuhörend und liebevoll – vor allem dann, wenn wir ‚nach dem Grund unserer Hoffnung gefragt werden‘, wie es im 1. Petrusbrief (3.16) heißt. Das kann schon bei den Fragen der Enkel anfangen und kann in einer gesellschaftlichen Diskussion enden. Und da muss nicht jeder alles können. Wie es in der Lesung heißt: die einen sind zu Propheten, die anderen zu Lehrern, die einen zum sozialen Apostolat die anderen zum politischen berufen. Wenn wir mit der Hilfe Gottes und nach seiner inneren Führung wirken, dann werden wir auch immer mehr seine Hilfe erfahren – trotz aller Fehlschläge. Gemeinde Christi können wir nicht nur für uns selbst sein, sondern wir müssen und dürfen es immer auch für andere sein. Wir sind nicht Gottes Pflegefälle, sondern seine Mitarbeiter. „HEUTE wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet nicht euer Herz“ (Ps. 94.8. und Heb.3.13

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